Freitag, 9. Februar 2018

Über Homeoffice, Gig-Worker und #digitale21

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Der FDP-Nationalrat Thierry Burkart ist zufrieden. 104 bürgerliche Bundesparlamentarier haben seine Initiative unterschrieben. Burkart will den Arbeitszeitrahmen von 14 auf 17 Stunden erhöhen und gesetzlich regeln. Die drei zusätzlichen Stunden sollen in Zukunft die Zeitplanung von Homeoffice-Workern erleichtern. Bürgerliche Nationalräte wollen mit der lancierten Gesetzesänderung die Vereinbarung von Beruf und Familie verbessern und den Realitäten anpassen. Gewerkschaften und linke Politiker befürchten jedoch, dass die Arbeitenden in den eigenen vier Wänden dadurch noch weniger zur Ruhe kommen. Der Gewerkschaftsbund spricht im Tages-Anzeiger sogar von Wildwest-Verhältnissen für Homeoffice-Worker.

Wie fit sind Schweizer Firmen?
Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie der ETH Zürich, berichtet über die erste repräsentative Erhebung zur Digitalisierung bei Schweizer Unternehmen. Ihre Arbeitsformen sind trotz Digitalisierung eher traditionell geblieben:
70 Prozent der befragten Unternehmen bestätigen, dass sie kein mobiles Arbeiten ermöglichen. 52 Prozent erlauben kein Arbeiten im Homeoffice. Darum fragt sich Gudela Grote: „Wie viel Veränderung ist schon passiert, und was muss noch passieren, damit die Schweizer Wirtschaft die Möglichkeiten der Digitalisierung ausschöpfen und den von der OECD kürzlich diagnostizierten Produktivitätsverlust auffangen kann?“ Mit den neuen Geschäftsmodellen von Airbnb, Uber und Bitcoins werden die traditionellen Schweizer Unternehmer noch „das Fürchten lernen“, schreibt die ETH-Professorin.

Plattformisierung der Arbeit
Während sich Politiker in Bern über Homeoffice-Worker echauffieren, tauchen die ersten Gig-Worker am Horizont auf. Sie übernehmen kleine und grössere Aufträge, die kurzfristig vergeben werden. Von der klassischen Freiberuflichkeit unterscheidet sich die sogenannte Gig Economy dadurch, dass eine Onlineplattform zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer vermittelt. Die Plattform kassiert eine Provision und diktiert dafür auch noch die Spielregeln. In der Gig Economy existieren keine langfristigen Festanstellungen, was global tätigen Fachkräften entgegenkommt. Zu den grossen Verlierern gehören Menschen, die aus dem klassischen Arbeitsmarkt ausgeschieden sind. Diese Kategorie der Gig-Worker hangelt sich von Auftrag zu Auftrag, stets bemüht keinem Sozialwerk verpflichtet zu sein und das Gesicht zu wahren. Die grosse Frage: Werden viele Gig-Worker im Prekariat landen? Die Vermittlungsplattformen sind derzeit mit zunehmender Regulierung konfrontiert. Es besteht also eine gewisse Hoffnung, dass sich soziale Sicherungs- und Schutzmechanismen aus den traditionellen Arbeitsmodellen des 19. Jahrhunderts auf Gig Economy übertragen werden. Infolge der dezentralen Arbeitsplätze ist es jedoch kaum möglich, eine Gewerkschaft im Klassischen Sinn zu organisieren – das müssten die Gig-Worker selber in sozialen Medien übernehmen.

„Hinterher hinkendes Arbeitsrecht“
„Es steigt also der Anteil derjenigen Personen, die unternehmerisch handeln müssen, um ihr Auskommen zu verdienen“, schreibt Jens O. Meissner, Professor für Organisationales Resilienzmanagement, im SAGW-Bulletin 4/2017. Er studiert die Psyche des Menschen, wie er mit widrigen Umständen und Situationen umgeht und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Mit Optimismus, Beziehungen und Lösungsorientierung lassen sich Krisen überwinden und im besten Fall sogar daran wachsen. Aktuell in der Digitalisierung sind beim hochflexiblen Arbeiten Einkommen und Beschäftigungslage nicht mehr verlässlich kalkulierbar. Diese Art der Selbständigkeit verlange nach Eigenverantwortung und Verhandlungskompetenz: „Gut ausgebildete und selbständig Handelnde vermögen aufgrund ihres gesuchten Profils ihre finanziellen Ansprüche und Arbeitsbedingungen gegenüber Mandanten durchaus durchzusetzen. Geringqualifizierte können hier in eine gefährliche Abwärtsspirale aus beruflicher Unsicherheit und einbrechendem Einkommen geraten“, schreibt Professor Meissner. Je mehr sich Produktlebenszyklen im globalisierten Wettbewerb verkürzen, desto geringer ist die soziale Zuverlässigkeit von den Arbeitgebern. Auch Meissner sieht Handlungsbedarf für angepasste Gesetze und Verordnungen in der Arbeitswelt.

Heimarbeit 1983
Wer sich für die historische Entwicklung der Heimarbeit interessiert, der findet im Schweizerischen Sozialarchiv überraschende Antworten: Die Textilindustrie setzte einst voll auf Heimarbeit. Eine Reportage von 1983 dokumentiert, wie sich eine teilautonome Heimarbeitsgruppe in Surin (GR), 200 Kilometer vom Arbeitgeber entfernt, organisierte. Der Film zeigt die Anstellungs- und Arbeitsbedingungen der Näherinnen als Akkordarbeiterinnen. Der Arbeitgeber berichtet von den Vorteilen der Heimarbeit als zukunftsträchtiges Modell. Und die Gruppenleiterin erzählt über ihre Gründung der Heimarbeitsgruppe mit Unterstützung der Schweizerischen Zentralstelle für Heimarbeit. Der Film endet in Minneapolis USA – wie sich die neue IT-Technologie auf Heimarbeit verlässt.

Vieles anders und doch gleich...
Der Beschäftigungsgrad ist so hoch wie lange nicht mehr in der Schweiz. Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie der ETH Zürich fragt sich: „Ist also alle Aufregung um die Digitalisierung viel Lärm um nichts?“ Sie warnt in der Beschleunigung der digitalisierten Welt nicht nur auf Innovationen der Mitstreiter zu reagieren. „Statt Mitarbeitenden durch vage Ankündigungen grosser Veränderungen Bange zu machen, gilt es, sie aktiv an der Gestaltung des digitalen Wandels zu beteiligen,“ schreibt Gudela Grote in der NZZ. Aus dem gleichen Grund organisieren die Akademien der Wissenschaften Schweiz den Kongress #digitale21 vom 11. bis 13 April in Lugano. Verlangt wird an der Veranstaltung ein fairer Dialog zwischen öffentlichen wie auch privaten Akteuren aus Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft. Diese Plattform soll der Übergang zur Digitalisierung erleichtern und Empfehlungen entwickeln, beispielsweise auch wie sich Kooperationen und zukünftige Projekte für Gesellschaft und Wissenschaft etablieren könnten – dazu zählen auch neue Arbeitsmodelle.


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Übrigens! Dieser Blog wurde im Homeoffice geschrieben...

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