Donnerstag, 17. Mai 2018

Die Dreifaltigkeit von Innovation, Forschung und Wirtschaft


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Was verbindet Innovation, Forschung und Wirtschaft miteinander? Alle sind auf der Suche nach Neuem. Vom Neuem versprechen sich Forschende Anerkennung, Wirtschaftskapitäne eine Gewinnmaximierung. Mit Innovation lässt sich Erfolg und Geld generieren und ist daher auch eng an ein aufstrebendes Unternehmertum gebunden. Die Innovation ist ein modernes Heilsversprechen für ein gutes Leben mit einer gewissen Zukunft. Über Innovation in ihrem Fachbereich konnten sieben PräsidentInnen aus unterschiedlichen Sektionen der Mitgliedgesellschaften der SAGW an der Jahresversammlung 2017 in Bern referieren. Alle hatten nicht mehr als sieben Minuten Redezeit zur Verfügung. Als Resonanz ihrer Ausführungen verfassten die Referierenden zusammen einen Werkstattbericht „Innovation“ in der Reihe swiss academies communications. Einführend bemerkt Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW im Bericht: „Die Verkürzung des Innovationsbegriffes auf Technik und damit auf die materielle Kultur hat eine lange Tradition, die sich zuerst prägnant im historischen Materialismus von Karl Marx artikulierte.“ Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert war Innovation primär mit gesellschaftlichen Erneuerungen verbunden. Erst unter Einfluss von Joseph Schumpeter und Co. setzte sich Innovation als zentrales ökonomisches Konzept durch: Demzufolge ist Innovation heute in unseren Köpfen vorwiegend mit neuen Technologien bzw. Digitalisierung verbunden.

Innovative Kräfte
Der deutsch-österreichische Autor Wolf Lotter hat soeben eine Streitschrift für Innovation publiziert (Edition Körber). Ihm geht es dabei um das barrierefreie Denken. Er selbst setzt nicht auf neue Technologien, sondern auf den Menschen, der für Lotter die eigentliche Schlüsselinnovation ist. Demzufolge verlangt er nach einer Innovationskultur in der Wissensgesellschaft. „Innovationen sind das Leben, das wir noch vor uns haben“, schreibt Wolf Lotter. Was sich vorerst etwas romantisch liest, kann er jedoch sehr gut mit Fakten und Beispielen darlegen. Er fragt sich auch, ob es je eine echte Innovationsgesellschaft gibt, zumal nach Lösung strebende „Kopfarbeiter“ nach wie vor Aussenseiter der Gesellschaft sind: „Wer Innovation nicht verhindern will, muss Menschen sich frei entwickeln lassen.“

Freie Gedanken
Lotter analysiert schonungslos: Wenn wir auf dem Weg von der Industrie- zur Wissensgesellschaft nicht auf die Rote Liste der bedrohten Arten geraten wollten, müssten wir den Weg radikaler Gedankenfreiheit beschreiten. Innovation bedeute die Bereitschaft zu ständiger Infragestellung und zum Experiment. Die Forderung nach Interdisziplinarität und Kreativität sei bitteren Ernst. Dazu gehöre auch Mut zu Irrtum wie auch Irrweg. Auf dem Weg müssten wir eine Gesellschaft des Versuchens, statt des Verzagens sein. Die Innovation sei auch nicht den Jungen zu überlassen, sondern zu einem generationenübergreifenden Projekt zu machen. Voraussetzung sei Rückbesinnung auf echte Bildung, wie auch Respekt vor Wissen und Erfahrung: „Man fand heraus, dass es nur bei der Frage der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien Unterschiede zwischen Alt und Jung gab – die Alten widmeten sich auch seltener digitaler Gadgets. Ihr Erfahrungswissen, ihre kommunikativen Fähigkeiten und ihre Loyalität, Motivation und Ergebnisorientierung glichen das bei weitem aus“ (Seite 63).

Störfall Innovation

Innovationen sind das Gegenteil von Opportunismus. Lotter zitiert Wilhelm Humboldt, der schon vor zwei Jahrhunderten vor den Folgen der Gleichmacherei warnte: „Die Gleichförmigkeit erstickt Differenz, den wichtigsten Rohstoff aller Innovation“ (Seite 71). Der Autor kategorisiert Manager, Meinungsmacher, Politiker, Lehrer und sogar Intellektuelle als Ordnungshüter. Ordnungssysteme selber haben andere Interesse als Erneuerungen – sie streben eine Systemerhaltung an. Kurz gesagt: „Ordnung versucht den Status quo zu sichern“ (Seite 83). Damit schiebt auch jede Organisation eine Krise, sobald Innovationen ins Spiel kommen. Tatsache ist, dass praktisch jede Innovation zum Störfall wird: „Es liegt im Wesen der Organisation, sich über den Menschen zu stellen.“ Organisationen leben länger als der Mensch, der sie organisiert, und jede Organisation handelt nach der Devise – jeder ist ersetzbar (Seite 143). Wer mehr über die Herrschaft der Organisationen erfahren möchte, dem empfiehlt Lotter die „Herrschaftssoziologie“ von Max Weber.

Mutprobe Innovation
„Innovation ist nichts für Feiglinge“, berichtet der Autor in seiner Streitschrift. In welcher Schule lässt sich den Mut zur eigenen Haltung, zur eigenen Überzeugung lernen? Damit bringt er den Zusammenhang von Organisation und Unterdrückung zur Sprache. Man darf sich auch wundern, wie wir Innovationszwänge erleben – etwa unter dem Zauberwort Digitalisierung. Letztendlich soll Innovation auch Hoffnung bieten, dass es besser wird. Eine Innovationskultur, die etwas tauge, weise nach vorne – im Sinn Karl Poppers – hin zu einer offenen Gesellschaft. Gerade dafür würden Alltagsinnovatoren benötigt, Bürgerinnen und Bürger, die selbstbewusst und selbstbestimmt handeln. Mit diesen Gedanken plädiert Lotter auch für ein Neugierde-Ministerium, nicht etwa für ein Innovationsamt oder Innovations-Minister. Neugierde sei eine wichtige Grundfunktion der Evolution: „Das Gute an der Neugier ist, dass sie immer funktioniert, sowohl unter den Bedingungen der Not und der Bedürftigkeit als auch des Wohlstands und Sattheit“, so Lotter.

Bewegt

Agilität, wird das Herz der zukünftigen Innovationsgesellschaft sein, bekommt jedoch in der Streitschrift mit 208 Seiten nur gerade ein Kapitel „Echte Bewegung“ (Seite 153). Wer Sicherheit und gleichzeitig Freiräume geniessen wolle, der müsse beweglich sein. Das gelte nicht nur für Menschen, sondern auch für Organisationen: „Agilität bedeutet nicht Pläne abzuarbeiten, sondern dynamische Strategien zu entwickeln.“

Bildung, Bildung, Bildung 

„Innovation ist mit Lernen untrennbar verbunden. Wer sie erkennen will, kann mit reproduzierbarem Wissen allein nicht viel anfangen. Darauf aber baut unser Bildungswesen: Man trägt weiter, was man hat und hofft, dass sich auf dieser Grundlage Neues entwickelt“, schreibt Lotter. Mit Routinewissen als Bildungsziel rase man in die Vergangenheit – hin zum Bildungstaylorismus. Eine Wissensgesellschaft darf nicht von Fliessbandentwicklern für Informationen bevölkert werden. Und Lotter outet sich einmal mehr zum Gedankengut vom Wilhelm Humboldt bzw. seiner Bildungsreform vor 200 Jahren: „Sie folgt dem Prinzip der Kohärenz und des Verbindens guter Traditionen mit dem Zutrauen in die Bewältigung des Neuen.“ Lotter prophezeit, dass die grosse kulturelle Innovation die Wiederentdeckung der Bildung sei.

Selbstverständliche Innovation

Über die kulturelle Innovation, wie es Lotter proklamiert, haben die sieben PräsidentInnen von den Sektionen der Mitgliedgesellschaften der SAGW an der Jahresversammlung 2017 ebenfalls gesprochen. Nicht jedoch explizit über die Bildung im Sinne des humanistischen Ideals nach Humboldt – das ist für diese Frauen und Männer selbstverständlich. Die Hälfte der Referierenden veranschaulichten mit einem technisch angehauchten Innovationsbegriff, wie neue Technologien teilweise ihre Berufsrollen verändern, ihre Forschungsmethoden erneuern und wie sie die Datenerhebung revolutionieren. Wolf Lotter erwähnt in seiner Streitschrift auch die Klippen in der Praxis der Wissenschaft: „Sogar Wissenschafter und Forschende müssen in ihren Anträgen auf Unterstützung präzise vorhersagen, was sie wann erfinden. Das ist grober Unfug und zeugt von der Pervertierung eines Controllings, bei dem sich Betriebswirte zu neuen Superbeamten gemacht haben.“

Samstag, 12. Mai 2018

Marx – Altmeister des Klassenkampfes


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“, schrieb Karl Marx in den Feurbachthesen. Seine 11. und letzte dieser Thesen gab all jenen Recht, welche die Nase voll hatten von Debatten, nächtelangen hitzigen Diskussionen und theoretischem Wortstreit. Genug der Theorie – man wollte tätig werden. Für die 1968er-Bewegung war die Nummer elf eine willkommene, wissenschaftliche Grundlage, quasi die Initialzündung für die Mobilisation der studentischen Jugend in aller Welt. Rein theoretisch war damals die traditionelle Interpretation des Marxismus am Ende, das manifestierte sich deutlich in den bürokratischen Modernisierungsregimes, etwa in der Sowjetunion, wie auch in China. Hinzu kam die Vernichtung der ArbeiterInnenbewegung durch Faschismus und Krieg – das „Proletariat als revolutionäres Subjekt“ hatte sich längst in Luft aufgelöst.
 http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm

Auf den Spuren des unsterblichen Propheten
„Die Revolte der Jungen“ ­– eine umfassende Berichterstattung der Schweizer Diplomatie über die globale Protestbewegung um 1968. Die Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis) publiziert zum 50. Jahrestag der 1968er-Bewegung den Band Nummer 9 aus der Reihe „Quaderni di Dodis“. Schweizer Diplomaten berichteten von ihren Aussenposten aus aller Welt nach Bern – wie, warum und wo Jugendliche aus insgesamt 22 Ländern protestierten. „Das erfolgreichste philosophisch-politische Leitbild der Revolte ist zweifellos der Marxismus, der in der letzten Zeit eine eigentliche „Renaissance“ zu erleben scheint. Die Anführer der studentischen Aktionen in allen westlichen Ländern stehen fast ausnahmslos politisch links und berufen sich in irgendeiner Form auf die Lehre von Karl Marx. Diese Entwicklung ist gewiss nicht der Sowjetunion oder dem Einfluss der kommunistischen Parteien Westeuropas zuzuschreiben (die sich in der Revolte eher zurückhaltend gezeigt haben und von der Jugend bereits zum «Establishment» gezählt werden); sie erklärt sich eher aus dem tieferen, humanen Gehalt der marxistischen Lehre.“ Die Jugend erkenne die Zustände, die Marx schon vor hundert Jahren im frühkapitalistischen Westeuropa beobachtet habe in ihrem eigenen Umfeld wieder: «Entfremdung», «Entmenschlichung» und «Verdinglichung» als Folge der Technisierung der modernen Welt mit Computern, Massenkommunikation und Satellitenstädten. Die Anziehungskraft des Marxismus, einer alten Gesellschaftstheorie, beruhe nicht so sehr auf seiner Theorie: „Viele Jugendliche sehen in ihm einen Ansporn zum Handeln. Der Marxismus bietet sich als Wissenschaft an, weniger als Ideologie oder Religionsersatz.“ Die Herausgeber dieses Bandes, Thomas Bürgisser und Sacha Zala der Forschungstelle Dodis, haben die schriftlichen Quellen mit Fotos vom Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag (August 1968) ergänzt. Der Band lässt sich gratis herunterladen: https://www.dodis.ch/de/pressemitteilungen/die-revolte-der-jungen
Gedruckte Exemplare können bei Amazon bestellt werden.

Verrauchte Szenen
Man kann sich fragen, warum der radikale Denker „Made in Germany“ die Einschaltquoten nach 200 Jahren, Marx wurde am 8. Mai 1818 in Trier geboren, immer noch hochschnellen lässt. Im zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) wurde der Film, „Karl Marx – der deutsche Prophet", am 2. Mai ausgestrahlt: „Nun ist ein Dokudrama natürlich kein Marx-Lektürekurs, aber warum soll man nicht auch eine ZDF-Produktion an höheren Massstäben messen“, schreibt die deutsche Zeitung „die Zeit“. „Der deutsche Prophet, der vieles besser macht als viele andere Reportagen über Marx, lässt leider auch die Gelegenheit aus, die Bewegung anschaulicher zu machen, die das Werk des Trierers bestimmt.“ Wer jedoch von den vielen Stationen im Leben von Marx mit Frau und Kindern weiss, der muss anerkennen, dass der Drehbuchautor und Historiker Peter Hartl die insgesamt acht Lebensmittelpunkte gut veranschaulichte: Deutschland, Frankreich, Belgien und England – selten war die Familie willkommen, oft polizeilich verfolgt, und sie landete in bitterer Armut in London. Dort starb Karl Marx am 14. März 1883. Seine Schaffenskraft, seine akribischen Werke, allein nur das berühmteste, „das Kapital“, für das er zehn Jahre brauchte, kann in einer Abendproduktion von ZDF nicht erklärt werden. Die empirische Grundlage für das „Opus magnum“ bot ihm der Bankencrash von 1857: In London recherchierte und analysierte er als Journalist für die New York Daily Tribune, Marx dachte, dass die Wirtschaft kollabierte. Er füllte drei Hefte mit Statistiken, Notizen und Artikeln aus anderen Zeitungen. Letztere hatte er teilweise abgeschrieben – als Linkshänder sind seine Schriften jedoch nicht einfach zu entziffern. Was es zum ZDF-Film noch zu bemerken gibt: Die Schwaden des Zigarrenrauches von Marx und seinen Mitdenkern zieht sich wie ein roter Faden durch die Szenen. Es ist offensichtlich, dem Schauspieler Mario Aadorf liegt die Rolle des revolutionären Propheten. Für alle, die den Film verpasst haben ist der Video bis Mai 2023 verfügbar unter:
https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/karl-marx---der-deutsche-prophet-100.html
https://www.zeit.de/kultur/film/2018-04/karl-marx-prophet-zdf-dokudrama-kommunismus-mario-adorf/seite-2

Marx als Geschäftsidee
„Karl Marx lebt! Die längste Zeit seines Lebens verbrachte Karl Marx in London, wo ein glühender Marxist auf die Spuren seines Vorbilds führt“, schreibt die NZZ am 4. Mai 2018: Heiko Khoo, dessen Mutter aus der DDR stammte, sichert mit seiner Verehrung auch noch seinen Lebensunterhalt. Die Firma heisst, wie könnte es anders sein, Karl Marx Research Ltd. Bei Khoo buchen Maturaklassen, linke Abgeordnete, Börsenmakler oder chinesische Touristen Führungen durch London.
Zum Jubiläum kommen auch sechs neue Bücher auf den Markt. Der Tages-Anzeiger hat sie am 17. April aufgelistet. Die Titel der Biografien sind teilweise abenteuerlich: Der Unvollendete; Die Freiheit des Karl Marx; Herr der Gespenster; Mythen über Marx oder einfach nur Karl Marx. Es ist offensichtlich, dass kein anderer Philosoph die Geister so beschäftigt, wie er. Was er geschrieben hat, steht für Wahrheit, und was bisher nicht vorgefallen ist, das könnte noch geschehen. Jedenfalls haben sich Stadtväter von Trier, der Heimatstadt von Marx, zum Jubeljahr etwas Handfestes aber auch Hilfloses ausgedacht – Ampelmännchen mit dem Charakterkopf von Marx...
https://www.nzz.ch/international/karl-marx-lebt-ld.1382846
https://www.tagesanzeiger.ch/zeitungen/was-bleibt-von-karl-marx/story/22629668

Jung und Visionär
Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Frankfurt am Main, beschreibt im Magazin ZEITGeschichte 3/2018 wie Karl Marx und Friedrich Engels zusammen das Manifest der Kommunistischen Partei verfassten: „(...) erscheinen die beiden Autoren als scharfsinnige Prognostiker der kapitalistischen Globalisierung, die sich seither vollzogen hat. Bis ins Detail nehmen sie – vor allem Marx, der die wesentlichen Teile beisteuerte – die Gegenwart vorweg, auch wenn sie den verschlungenen Gang der Geschichte und die grossen Konflikte des 20. Jahrhunderts nicht kennen konnten.“ Werner Plumpe beschreibt die beiden Philosophen in einer Art Hellsichtigkeit, wie sie 1847/48 eine Hommage an die „Bourgeoisie“ verfassten, und sie auch eine allseitige Abhängigkeit der Nationen prophezeiten: „Und die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur...“
Marx war damals 29 Jahre alt, Engels drei Jahre jünger – die beiden jungen Denker erkennen, dass der Kapitalismus wohl grenzenlos ist.
https://shop.zeit.de/sortiment/die-zeit-magazine/zeit-geschichte/3684/zeit-geschichte-3/18-karl-marx


Mittwoch, 2. Mai 2018

Philosophie im Netz – www.philosophie.ch

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Wo sind die Philosophen, wenn man sie braucht, beklagt sich Geert Keil. Seine Kritik ist nicht aus der Luft gegriffen, er selber lehrt Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. Mit dem Zitat von Hegel, Philosophen würden ihre Zeit in Gedanken erfassen, bedauert er die fehlende öffentliche Wahrnehmung seiner Disziplin. „Die globalen Herausforderungen, Fehlentwicklungen und Krisenherde lassen sich kaum noch aufzählen, die Zeit scheint aus den Fugen“, schreibt der Deutsche Professor in der Zeitschrift „Information Philosophie“ (01/2017). „Zu allem Überfluss haben in der politischen Arena die terribles simplificateurs einen fast unheimlichen Zulauf. In Gedanken zu erfassen gäbe es vieles, doch die akademische Philosophie zieht sich, so die Klage, in ein selbstgewähltes Ghetto zurück, nämlich auf die kleinteilige Bearbeitung von Problemen, die ausser anderen Fachphilosophen niemanden interessieren.“ Das Tätigkeitsprofil der Philosophie ist wie geschaffen, in gesellschaftliche Debatten einzugreifen und Krisenphänomene aufzuklären. Umso trauriger ist der Tatbestand, dass die Stimme der Philosophie in der Öffentlichkeit kaum vermisst wird. Ebenso existiert keine breit angelegte Debatte über das Verhältnis von Philosophie und Öffentlichkeit.  

Das Berner Vorbild
Was Professor Keil in der Zeitschrift „Information Philosophie“ beklagt, hat vor 20 Jahren an der Universität Bern, den heute emeritierten Professor Gerhard Seel motiviert, eine Plattform im Internet zu lancieren. Gerhard Seel lehrte in Bern Semantik, praktische Philosophie, Rechts- und Wirtschaftsphilosophie. Seine Plattform Philosophie.ch entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer nationalen Anlaufstelle für Philosophie, die in ihrer Zielsetzung, ihrem Umfang und ihrem Erfolg in der Schweiz, aber auch in Europa einzigartig ist. Seit 2008 koordiniert Philosophie.ch auch die Werbung für zukünftige Studierende der philosophischen Institute im Land. Im gleichen Jahr wurde der Verein „Philosophie.ch – Swiss Portal for Philosophy“ gegründet. Der Verein engagiert sich besonders auch für einen philosophischen Diskurs in der breiten Öffentlichkeit.

Philosophie im Zeitgeschehen
Seit dem 1. Mai, ist das Themendossier "Philosophie aktuell" auf der Plattform Philosophie.ch aufgeschaltet: Muss Philosophie in der Öffentlichkeit stattfinden? Steckt in ihr die Chance, eine friedliche Auseinandersetzung in unserer pluralistischen Gesellschaft zu führen, fragt sich die Autorin Anja Leser. Sie ist Vorstandsmitglied und zugleich in der Geschäftsführung des Vereins. „Die Aufgabe der Philosophie besteht nicht darin, den moralischen Zeigefinger zu erheben und vorzugeben, was man tun soll und was nicht. Vielmehr zeigt die Philosophie unterschiedliche Argumente auf, weshalb die eine oder andere Haltung vertretbar oder aus gewissen Gründen gegebenenfalls vertretbarer ist als eine andere.“ Mit dem philosophischen Themendossier will Philosophie.ch aufzeigen, wie sich die akademische Philosophie gegen oberflächliche Auseinandersetzungen von gesellschaftlich und zukunftsrelevanten Themen wehrt. Es lohne sich auch, den Mut aufzubringen, sich intensiv mit persönlichen Werturteilen auseinanderzusetzen. „Philosophie kann „ansteckend“ sein und viel Freude hervorrufen: Gerade dann, wenn man neue Ideen mit dazu gewinnt, oder andere Argumente für bereits gefasste Entscheidungen kennenlernt. Die Philosophie entwickelt sich fortlaufend weiter und bleibt somit mehr denn je: stets aktuell“, schreibt Anja Leser. https://www.philosophie.ch/philosophie/themendossiers/td25

Philosophie in der Digitalisierung
Auf der Plattform sind nicht nur Essays und Blogs nachzulesen, auch welche Themenbereiche an einzelnen Hochschulen vertieft werden, oder welche Veranstaltungen wann und wo stattfinden in der Schweiz. Philosophie.ch bietet eine Art Rundumpaket auch für angehende Studierende und Forschende. Empfehlungen für Studierende, beispielsweise wie sie philosophische Texte schreiben können. Zumal Schreiben wichtig ist für ein erfolgreiches Philosophiestudium – wie argumentative Texte entstehen, wie mithilfe des Schreibens philosophische Probleme verstanden, durchdrungen und geklärt werden können. Mit dieser Argumentation kann im Zeitalter der Digitalisierung die Disziplin Philosophie nur noch gewinnen und an Aufmerksamkeit zulegen. Langer Rede kurzer Sinn, die Netzöffentlichkeit ist eine riesige Chance für flüssig schreibende Philosophen, etwa mit Bloggs ein junges und breites Publikum zu erreichen und zu begeistern.

Medientauglichkeit und Ratgeberliteratur
Fachphilosophen, die ihre Gedanken in einem öffentlichen Diskurs in den Medien preisgeben, sind jedoch eher selten. Einfacher ist es für die Intellektuellen, Fachliteratur zu schreiben. Sie haben damit auch den Vorteil, dass sie nicht die Kompliziertheitszensur der Medien bestehen müssen. Es gibt allerdings auch Fachphilosophen, die sich an populärwissenschaftliche Bücher wagen. Ihre Werke stehen in den Buchhandlungen in der Abteilung für Ratgeberliteratur. Ein gutes Beispiel ist das neue Buch von Christoph Quarch mit dem Titel „Nicht Denken ist auch keine Lösung – Wie Sie gute Entscheidungen treffen“. Der Autor schreibt eine Philosophie des Entscheidens: „Warum sollen wir tun, was wir können, obgleich wir es müssen?“ Entscheidungen verbinden Getrenntes, schliessen Klüfte und erzeugen Stimmigkeit oder Einklang – oder beides. Gute Entscheidungen sind Früchte der freien Kreativität des Menschen bzw. auch seiner Seele. Stimmige Entscheidungen lassen sich auch nicht mit der technischen Strategie des Ichs vergleichen. Und! Gute Entscheidungen sind unberechenbar, auch nicht planbar – sie folgen allein dem Imperativ „Erkenne dich selbst“... Ein anspruchsvolles Thema, das auf 200 Seiten mit einer guten Leserführung ausführlich behandelt wird. Auf das gelungene Beispiel dieser Popularphilosophie wird auch auf der Plattform Philosophie.ch hingewiesen. Man kann sich nur wünschen, dass das Beispiel des Vereins „Philosophie.ch – Swiss Portal for Philosophy“ Schule macht und die noch schweigenden Philosophen aus ihrem Elfenbeinturm lockt.