Donnerstag, 17. August 2017

Big Data und das metrische Wir


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie in Berlin, gehört zur Generation X – geboren im Jahr 1968. Als «Digital Immigrant» lernte er erst als Erwachsener die Digitalisierung kennen, im Gegensatz etwa zu den „Digital Natives“, der Generation Y. Der Deutsche Makrosoziologe Mau interessiert sich für die Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft und hat darüber ein 286 Seiten starkes Buch geschrieben: „Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen (Edition Suhrkamp 2017).

Eine Problemzone des metrischen Wirs
Krankenakten dokumentieren das „heilige“ Arztgeheimnis zwischen Arzt und Patient. Mit der Digitalisierung der Akten werden jedoch vertrauliche Daten für einen grösseren Personenkreis zugänglich und säkularisieren damit das Arztgeheimnis. „Sogenannte Gesundheitscores, Skalen- und Punktesysteme der Bewertung des individuellen Gesundheitszustandes gewinnen zunehmend an Bedeutung – bei Krankenkassen, im betrieblichen Gesundheitsmanagement oder in Eigenregie vorgenommenen Therapien sowie beim individuellen Gesundheitsmonitoring“, schreibt Steffen Mau (Seite 115). Gesundheit und gute Konstitution als höchstes Gut des Menschen bekommen durch die Digitalisierung einen kompetitiven Charakter: Mit Aktivität und Fitness bleibt man gesellschaftsfähig, wird nicht zur Belastung für die Allgemeinheit bzw. für das Budget der Kassen. Ganz im Zeitgeist der Digitalisierung lancieren jetzt auch Schweizer Krankenkassen erste Active Apps zum individuellen Gesundheitsmonitoring mit einem Bonussystem als Anreiz für körperliche Anstrengung und Schweiss.

Krankenkassen ködern fitte Kunden
Wer sich bewegt, ist gesünder und erzeugt weniger Kosten, so verhält sich heute ein idealer Kunde einer Krankenkasse. Die Active App der Sanitas misst beispielsweise, wer mit dem Velo zur Arbeit fährt oder am Wochenende wandert, zu gewinnen sind 120 Franken pro Jahr. Die CSS belohnt ihre Kunden für 10’000 Schritte am Tag mit einer Entschädigung von maximal 146 Franken pro Jahr, plus 350 Franken Vergütung für die Mitgliedschaft in einem Fitnessclub. Die NZZ am Sonntag (13.08.2017) hat aufgelistet, welche Kassen wieviel bieten – vom Prämienrabatt bis zum Zuschuss fürs Fitness-Abonnement.

Datenmanager Staat
Für die „Regierungskunst“ ist die Digitalisierung mit der Erfassung von Big Data essentiell geworden – ohne statistisches Amt wäre Bundesbern wohl aufgeschmissen. „Der Staat als Körper, der sich aus unzähligen Einzelwesen zusammensetzt, ist ein klassischer Bestandteil der dazugehörigen politischen Metaphorik“, schreibt Makrosoziologe Steffen Mau (Seite 35). Aus den statistischen Daten informieren sich Politiker wie der Staat regulierend eingreifen kann. Mit dieser Zahlensprache ist auch die Bevölkerung lesbar bzw. einschätzbar geworden – Alter, Geschlecht, Bildung, sozialer Status, wie und wo wird gewohnt, welche kulturelle Vorlieben, wie und wann wird gestorben usw. Die numerische Abbildung der Realität in unserem Land ist Grundlage, wie auch Legitimierung für Strategien von Behörde und Politik. Mit der arithmetischen Vereinfachung von komplexen Themen lassen sich die Politiker zu Numerokraten disziplinieren. In der Datenflut mit Blick auf Zahlen übersehen sie dabei die latente Gefahr, dass auch im Binärcode ein Schwarzweiss-Denken schlummert. Ist das der neue idealtypische Politiker, welcher sich durch Big Data beeindrucken lässt und mit einer buchhalterischen Exaktheit den Status Quo in unserer Gesellschaft anstrebt? „Die Schweiz als innovative Volkswirtschaft nutzt die Chancen der Digitalisierung für Wachstum und sichert damit den Wohlstand“, lautet ein Kernziel des Bundesrates für die „Digitale Schweiz“ (Blog „Der digitale Kick“: http://wissenschaftskultur.blogspot.ch/ ).Wo bleiben in der digitalen Revolution Schweizer Politiker mit klaren Zukunftsbildern? Visionär denken und dabei pragmatisch handeln, gepaart mit Zivilcourage – nur so wird die Demokratie lebendig bleiben. Die Diagnose des Soziologen Max Weber mit dem „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“, welches der Menschheit ihre Freiheit raubt, markiert aktuelle Tendenzen (Max Weber 1904, „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.“): Webers Warnung vor einer erstarrenden Bürokratisierung, jetzt im Gehäuse der Digitalisierung, ist noch nicht vom Tisch.

Zahlen sind mehr als nur Mathematik
Gelesen in der NZZ 11.08.2017: „Laut der gängigen, simplifizierenden Statistik beziehen in der Schweiz drei Prozent der Bevölkerung Sozialhilfe. Tatsächlich sind es zehn Prozent. Die Studie des Bundesamtes für Statistik zeigt grosse kantonale Unterschiede auf.“ Sobald die AHV- und IV-Renten den Existenzbedarf nicht decken, werden gemäss Bundesgesetz Ergänzungsleistungen ausbezahlt, dabei haben Kantone wenig Spielraum – trotzdem sind die Beträge unterschiedlich. „Die Statistiker des Bundes können die Unterschiede nicht erklären“, gemäss der NZZ. Datenmanager Staat wird sich mit dieser Erklärung kaum zufriedengeben. Es wird dem Staat gelingen, die kantonalen Unterschiede zu bereinigen bzw. mit der Quantifizierung des Sozialen, ein neues Register der Ungleichheit zu eröffnen. Nach Steffen Mau, produziert das Verfahren „Vergleichen und Messen“ systematische Fehler, die nie eine Wirklichkeit abbilden können: Hinter jeder Zahl steht immer eine Wertzuweisung.


Vermessung der Gesellschaft

Mit der Entstehung der Sozialversicherungen im 19. und 20. Jahrhundert bekam die Sozialforschung eine Schlüsselrolle in der Gesellschaft. Damals wurde realisiert, dass der Blick auf Daten der Individuen auch den Blick auf die Gesellschaft verändert: Mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung konnte man aufzeigen, dass etwa Krankheiten nicht als Einzelfall, sondern als Regelmässigkeit angesehen wird, und darum die Verantwortung nicht allein auf den einzelnen Menschen abgeschoben werden kann. In der digitalisierten Gesellschaft sind jetzt Daten und Statistiken unwiderruflich zur Leitwährung geworden. Big Datas werden jedoch nie Realitäten abbilden können, sondern sind selektive Konstruktionen, welche neue Wirklichkeiten erzeugen. Steffen Mau schreibt: „Daten legen nahe, wie Dinge zu sehen sind, und schliessen damit andere Sichtweisen aus...“ (Seite 30).

Donnerstag, 10. August 2017

Der digitale Kick

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Die Strategie des Bundes für eine digitale Schweiz ist mit klaren Botschaften bestückt: Politische Instanzen und Behörden geben der digitalen Entwicklung genügend Raum. Sie engagieren sich für einen umfassenden Strukturwandel in der Gesellschaft. Mit diesen Grundsätzen soll sich die Transformation der Digitalisierung im Dialog mit Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung und Zivilgesellschaft erfolgreich etablieren. Mit der Umsetzung der Strategie verfolgt der Bundesrat vier Kernziele: 1. Die Schweiz als innovative Volkswirtschaft nutzt die Chancen der Digitalisierung für Wachstum und sichert damit den Wohlstand. 2. Der Bevölkerung muss ein kostengünstiger Zugang für Infrastrukturen der Informations- und Kommunikationstechnologien IKT ermöglicht werden. 3. Alle im Land können sich in der virtuellen wie auch realen Welt bewegen und sich darauf verlassen, dass die Datensicherung dem internationalen Standard entspricht. 4. Die Schweiz will mit Hilfe von IKT auch klima- und energiepolitische Ziele zur nachhaltigen Entwicklung erreichen.
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-61417.html

Cyber-Risiken (NCS) in der digitalisierten Welt
Seit 2012 ist der Bund daran, allfällige Schutzmassnahmen zu entwickeln: Etwa durch frühzeitiges Erkennen der Cyber-Risiken, die Verbesserung von anfälligen Infrastrukturen und die Reduktion der Cyber-Bedrohungen. Eine erste Wirksamkeitsüberprüfung der Firma AWK Group zeigt, dass die Schweiz besser auf Cyber-Risiken vorbereitet ist als vor fünf Jahren – dennoch sind weitere Massnahmen notwendig. Für Schlagzeilen sorgte der Spionageangriff auf den bundeseigenen Rüstungskonzern Ruag im Jahr 2016.
https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/48045.pdf
https://www.efd.admin.ch/efd/de/home/dokumentation/nsb-news_list.msg-id-66487.html

Aktionsplan Cyberdefense
Bis in drei Jahren müsste gemäss Aktionsplan eine Truppe von 100 Netzsoldaten die Cybereinheit der Schweizer Armee stellen. Darum sucht jetzt Verteidigungsminister Guy Parmelin bestens ausgebildete Cyberexperten. Zur Einhaltung dieser Zielvorgabe beabsichtigt das VBS auch enge Partnerschaften mit Schweizer Hochschulen zur Rekrutierung der Cyberkrieger. Schon ist ein erster Kursus in einem Cyberdefense-Campus für 2018 in Planung.
 
https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/wenn-sich-die-armee-mit-google-misst/story/27153071

Dennoch auf Rang 28
Auf die Strategie des Bundes muss auch die öffentliche Verwaltung reagieren. Obwohl die Behörde seit 2003 online ist, belegt die Schweiz im E-Gouvernment-Survey der UNO letztes Jahr nur den 28. Rang! Es ist ein klägliches Resultat für alle Anstrengungen und Dienstleistungen im Rahmen der Digitalisierung. Das Paradebeispiel dafür ist das Internetportal www.ch.ch – hier übernimmt die Behörde die Rolle des Ratgebers für alle Lebenslagen: Wo gilt es aufzupassen vor Zecken, in der Rubrik „Arbeit“ dreht sich alles um Stunden, Zeugnis und Konflikte. Darf ich überall meine Drohne fliegen lassen und wie finde ich meine AHV-Nummer? In der Rubrik „Demokratie“ erfährt man wesentliches über Referendum, Initiative und über die bevorstehende Abstimmung. Mit diesem Portal übernimmt der Staat definitiv die Rolle „des gütigen Landesvaters“, der sich um die alltäglichen Sorgen seiner Untertanen kümmert. Ein weiteres ehrgeiziges Projekt verfolgt der Bund mit dem E-Voting, dem papierlosen Abstimmen im Internet, welches die StimmbürgerInnen an die digitale Urne locken soll. Dennoch bewertet die UNO das E-Gouvernment der Schweiz im Vergleich mit 29 industrialisierten Ländern auf dem zweitletzten Platz – an der Spitze stehen England und Australien.

Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare
Warum die Schweiz im E-Gouvernment auf Platz 28 liegt schildert Erich Aschwanden in der NZZ (4. August 2017). Der Bund habe auf falsche Prioritäten gesetzt – auf E-Voting. Ein papierloser Verkehr mit den Behörden liege daher noch in ferner Zukunft. Die Nachfrage für E-Dienstleistung hält sich auch noch in Grenzen, die Skepsis als gläserner Bürger zu enden ist weit verbreitet. Trotzdem gäbe es genügend Transaktionen, die sich ins Internet verlagern lassen: Kurze elektronische Wege zur Bearbeitung von Anliegen sind eine Chance für alle – Behörde und Bürger. Beispielsweise verletzen Terminvereinbarungen per mail kaum die Privatsphäre. Die Frage zur Sicherheit ist allerdings beim Abstimmen im Netz, dem E-Voting, heikel. Hacker könnten Abstimmungsresultate manipulieren und damit eine politische Krise auslösen. Notabene ist Abstimmen und Wählen ein emotionaler, demokratischer und auch traditioneller Akt, der sich nicht mit einem banalen Verwaltungsvorgang vergleichen lässt. Nur schon aus der soziologischen Perspektive ist E-Voting keine ideale Wahl zur Durchsetzung der Digitalisierung.

Bürger als Datensatz
Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science der ETH Zürich warnt davor, dass der Bürger zum Datensatz schrumpft. Der Staat sammelt exorbitante Mengen von persönlichen Daten – mehr Information bedeutet Wissensvorsprung und damit verschieben sich die Machtverhältnisse. “Die Gesellschaft ist keine Maschine“, schreibt Professor Helbing NZZ-Online (6. August). Die Nebenwirkungen der Digitalisierung mit dem exponentiellen Wachstum der Daten, die über den Menschen verfügen, kann mit der Rolle des Staates als „gütigen Landesvater“ soweit gehen, dass er sich um alles kümmert und dabei das Modell der direkten Demokratie aushebelt – bzw. die Bewohner des Landes entmündigt.
Die Beiträge von Professor Helbing und Erich Aschwanden in der NZZ zeigen zwei verschiedene Entwicklungswege auf. 1. Der „gütige Landesvater“, welcher glaubt über Big Data alle Bedürfnisse der Bürger zu kennen und mittels Paternalismus seine Autorität legimitiert. Oder! 2. Die Digitalisierung ermöglicht eine aktive Partizipation der BürgerInnen mit dem Staat, um ihre Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse zu äussern. Die Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung im Leben des Menschen hat soeben erst begonnen: Sicher ist, dass die beiden möglichen Entwicklungswege im nächsten E-Gouvernment-Survey den Rang nochmals beeinflussen werden – noch oben oder nach unten. Alles ist offen. Das Thema über Digitalisierung und „Big Data“ ist derart „big“, dass der nächste Blog weiter darüber berichten wird.
https://www.nzz.ch/feuilleton/digitalisierung-und-demokratie-schrumpft-den-buerger-nicht-zum-datensatz-ld.1309268