Donnerstag, 19. Oktober 2017

Über Burka, Hidschab und Frau am Steuer

Seit 1. Oktober gilt in Österreich ein Anti-Verhüllungsgesetz, das sich vor allem gegen verschleierte Musliminnen richtet. Burka tragen kostet 150 Euro Busse. Warum regt sich die westliche Gesellschaft derart über ein Stück Stoff auf? Die Debatte um den Islam und seine Symbole füllt beinahe täglich die Kommentarspalten der Presse. Und bis Ende November sind in Bern, Zürich, Basel, Luzern und Lausanne nicht weniger als neun interessante Diskussions-Veranstaltungen über den Islam angesagt. Siehe Veranstaltungsreihe des SAGW: http://www.lasuissenexistepas.ch/

Unsere Überempfindlichkeit
„Die 106’000 Unterschriften für die Initiative sind beisammen, bald dürfen wir freiheitsliebenden Schweizer die Burka verbieten. Schade, dass uns die Österreicher noch zuvorgekommen sind, aber die haben den Landvogt ja in den Genen. Doch auch wir werden vor dem Schleier den Hut nicht ziehen. Zwar ist die Burka weder gefährlich noch hierzulande sichtbar. Aber sie ist ein Symbol, und bei Symbolen spassen wir nicht“, mokiert sich der Schweizer Historiker Thomas Maissen in der NZZ am Sonntag (8.10.2017) über die Schweizer Empfindlichkeit gegenüber dem Islam. In der globalisierten Welt müssten wir nach gewaltlosen Spielregeln suchen, damit alle miteinander auskommen. Diese Einstellung hätte auch nichts mit naiver Multikultivision zu tun. Kurzum die Verbannung fremder Bräuche sei der falsche Weg, betont Thomas Maissen.

Das islamische Kopftuch ist ein Symbol des Patriarchats
„Es steht ausser Frage, dass viele gläubige muslimische Frauen das Kopftuch freiwillig tragen – und zweifellos muss ihre Entscheidungsfreiheit respektiert werden. Gleichzeitig aber kann nicht weggeredet werden, dass das Kopftuch ein Werkzeug der Geschlechterungleichheit darstellt. Grad und Häufigkeit der Verschleierung weisen im Islam aus, wie konservativ und antiliberal eine Gesellschaft eingestellt ist. Wir können immer noch gegen das Kopftuch sein, während wir gleichzeitig das Recht unterstützen, es tragen zu dürfen. Aber wir müssen es nicht anpreisen oder popularisieren. Wer den islamischen Schleier als Symbol von Selbstbestimmung und kultureller Identität versteht, ist naiv.“ Diese Meinung vertritt der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ (12.10.2017). Weil er sich öffentlich zum Atheismus bekannte, wurde er in seiner Heimat bedroht; seit sechs Jahren lebt er in der Schweiz.

Verschleiert
Das Magazin der Universität Freiburg setzte im letzten April den Titel: Le voile – Hinter dem Schleier. Sarah Progin-Theuerkauf, Professorin für Migrationsrecht, und Pahud de Mortanges, Professor für Rechtsgeschichte, fragen sich, welche Gesetze rund um die religiöse Verhüllung existieren. Jeder trage, was ihm gefällt und bei religiöser Kleidung gelte die Religionsfreiheit. Nur wenn zwei Rechtsprinzipien miteinander kollidieren, müssten Richter entscheiden, welches höher zu gewichten sei. Beispiel Schule: Es bestehe ein öffentliches Interesse, dass staatliche Schulen religiös neutral seien. Das sei wichtiger, als das persönliche Interesse einer Lehrerin, die ihren Glauben über die Kleidung ausdrücken möchte. Die Folge? Kopftücher sind an öffentlichen Schulen tabu. Auch eine Nonne darf keines tragen. Es sei denn, sie tut es im Religionsunterricht oder an einer katholischen Privatschule. Bei Schülerinnen sind die Regeln anders: Sie repräsentieren weder die Schule, noch stören sie im Allgemeinen mit Kopftüchern den Unterricht.

Mit 13 Jahren trug sie ein Kopftuch
Esma Isis-Arnautovic kam als Kriegsflüchtling 1993 mit ihrer Familie in die Schweiz. Sie studierte Islamwissenschaften, wie auch Medien- und Kommunikationswissenschaften und arbeitet am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg. Als Muslimin trägt sie den Hidschab, ein kapuzenartiges Kopftuch: „Mit Kopftuch ist die Präsenz Gottes ein ständiger Begleiter im Alltag. So überlege ich mir doppelt, ob ich etwas mache oder unterlasse. Hier kommt in der Tat der Schutz ins Spiel, jedoch nicht vor Männern, sondern vor mir selbst. Es hilft mir dabei, mich nicht zu spontanen Aktionen hinreissen zu lassen, die ich später womöglich bereuen würde.“ (Siehe Interview im Magazin der Universität Freiburg)

Die vermeintliche Bedrohung
„Während der Islam längst Teil der gesellschaftlichen Realität in der Schweiz ist, hat in den letzten Jahren eine zunehmende Islamisierung des Migrationsdiskurses stattgefunden. Die virulenten Diskussionen um Minarette und Burkas bezeugen die Entwicklung des Islams zu einem politischen Streitthema. “, schreibt der Politikwissenschafter Philipp Lutz der Universität Bern im SAGW-Bulletin 2/2017. „Muslime wurden zur primären Projektionsfläche identitätspolitischer Strömungen – zum bedrohlichen Fremden, anhand dessen die schweizerische Identität kontrastiert wird.“ Diese unterschwellige Islamfeindlichkeit lasse sich nur überwinden, wenn die Lebenswirklichkeit der Schweizer Muslime in der Öffentlichlichkeit wahrgenommen wird. Siehe Dossier im SAGW-Bulletin 2/17 «Islam in der Schweiz / Islam en Suisse».
  
„Als Mädchen habe ich mir oft gewünscht, ein Junge zu sein“
Während die Schweiz über Burka debattiert, fordern mutige Frauen ihre Rechte in Saudi-Arabien, einem Land, das nach der Scharia lebt. Was in der westlichen Gesellschaft selbstverständlich ist, müssen sich Aktivistinnen hart erkämpfen. Beispiel: Die Frau am Steuer. Bei uns ist die Fahrprüfung längst ein moderner Aufnahmeritus in die Gesellschaft. Manal al-Sharif liess sich vor sechs Jahren von einer Freundin beim Autofahren filmen und veröffentlichte das Video auf der Plattform YouTube:
 https://www.youtube.com/watch?v=sowNSH_W2r0
Drei Tage nach ihrer Tour landete Manal al-Sharif im Gefängnis. Heute lebt sie in Australien und tritt für die Rechte von Frauen in der islamischen Welt ein.Der Alltag als Frau besteht aus einem ständigen Abwägen, Umgehen, Erfüllen von Verboten, religiösen Vorschriften, Gesetzen. Nicht alles, was Frauen untersagt ist, steht auch im Gesetzbuch. Manche Verbote, wie etwa das Augenbrauenzupfen, habe Gott verfügt, heisst es. Mädchen dürfen nicht Rad fahren, damit sie ihre Jungfräulichkeit dabei bloss nicht verlieren. Auch das ist kein Gesetz. Männer und Frauen werden in Restaurants, Banken, Schulen getrennt. Das ist Gesetz. Auch, dass ich ohne schriftliche Erlaubnis meines Vaters nicht arbeiten, studieren oder das Land verlassen kann. Aber am für Muslime heiligsten Ort der Welt, der Kaaba in Mekka, laufen Männer und Frauen durcheinander. Das zeigt die ganze Absurdität der Verbote“, sagt Manal al-Sharif in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger (28.9.2017). Dank Manal al-Sharif werden ab Juni 2018 Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren dürfen – mit Kopftuch versteht sich – und falls es ihr Vater oder Mann erlaubt.



Mittwoch, 11. Oktober 2017

Von Grenzen und Wissenschaft

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Die strategischen Ziele des Bundesrates sind gesetzt, die Digitalisierung soll Wachstum und Wohlstand sichern. Der Aktionsplan steht. Kurzum, es herrscht eine Goldgräberstimmung, die sich auch in der Wissenschaft abzeichnet – Fortschritt ohne Grenzen. Im Zeitgeist der Digitalisierung beschleunigt sich auch der Erkenntnisdrang der Menschheit. An der Universität Bern haben Forschende in einer interdisziplinären Vorlesungsreihe des Collegium generale über die aktuelle Fortschrittseuphorie nachgedacht. Der Grundgedanke der Veranstaltung war, dass jede Disziplin aufzeigt, wo und was sie einschränkt und welche Forschung bis jetzt unüberwindbar erscheint. In der Physik wird es immer schwieriger, in das Innerste der Materie vorzudringen. In der Ökonomie begrenzt die Komplexität der Phänomene die Möglichkeiten, genaue Vorhersagen zu liefern. Oder die Fremdheit anderer Denkmuster limitiert den Zugang zu anderen Kulturen. Mit den Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen entstand ein Band der Berner Universitätsschriften mit dem Titel „Grenzen in den Wissenschaften“ (Haupt Verlag Bern, 2017). Der Physiker Claus Beisbart sucht in seinem Beitrag beispielsweise nach Grenzen der Wissbarkeit und landet in der Philosophie bzw. Epistemologie. Zur Bestimmung der Wissensgrenzen genüge der Wissensbegriff einer binären Ja-Nein-Logik nicht, schreibt Claus Beisbart. Diese Logik könne die Vielschichtigkeit der Gründe, die für oder gegen eine Hypothese sprechen, niemals widerspiegeln.

Ohne Tunnelblick
Die Nähe zur Geisteswissenschaft findet auch der ETH Präsident Lino Guzzella. Er beschreibt in der NZZ (25.9.2017), wie die Geisteswissenschaften den Perspektivenwechsel in den Naturwissenschaften ermöglichen, die es für eine ganzheitliche Sicht brauche. „Nicht alles, was technisch machbar ist, ist gesellschaftlich wünschbar oder ökonomisch finanzierbar. Geisteswissenschaften verhindern den Tunnelblick und stellen Technik in einen historisch-kulturellen Kontext.“ In Zeiten des beschleunigten Wandels dürfe das historische Bewusstsein nicht verloren gehen. „Eine kritische Haltung sich und der Welt gegenüber macht den Menschen widerstandsfähiger – sowohl gegen Weltuntergangspropheten wie auch gegen die quasireligiösen Schalmeienklänge unkritischer Technologie-Apologeten. Kritisches Denken gehört zum Wesen wissenschaftlichen Arbeitens.“

Selbsterkenntnis
„Den meisten Studierenden und Forschenden der Naturwissenschaften fehlt die Kultur der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Einrichtungen bleiben in ihren Disziplinen verhaftet, und die Wissenschaftsforschung fällt zwischen Stuhl und Bank“, sagt Bruno Strasser. Der Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Genf ist auch ausserordentlicher Professor in Yale. Er beschäftigt sich mit Citizen Science und geht im neusten Forschungsmagazin Horizonte streng ins Gericht mit der akademischen Welt. Er bedauert, dass sich die Wissenschaftsforschung in der Schweiz nur zögerlich entwickelt, da es nur wenige Institutionen gebe. Ein Lehrstuhl zur Wissenschaftsforschung wurde sogar vor drei Jahren an der Universität Basel geschlossen. Bruno Strasser betont, dass die Wissenschaftsforschung schmerzhafte Fragen zur Funktionsweise der Forschung stellt.

Das Diktat des Biologismus
„Die Kernkompetenzen der Geisteswissenschaften – Analysieren, Einordnen und Infragestellen – wären derzeit also dringend gebraucht. Stattdessen sind die Geisteswissenschaften unter Beschuss. Ein kruder Biologismus hält Einzug“, schreibt Min Li Marti in der NZZ (25.9.2017). Sie ist SP-Nationalrätin, Verlegerin und Chefredaktorin der Wochenzeitung «P. S.». Das Problem sei dieser «oberflächlich-mechanistische evolutionspsychologische Ansatz», der davon ausgehe, «dass Ingenieurwissenschaften schwierig seien und menschliche Beziehungen einfach», zitiert Min Li Marti die amerikanisch-türkische Soziologin Zeynep Tufekci. Es werde den Geisteswissenschaften auch vorgeworfen, sich im Elfenbeinturm in unverständlichem Jargon um irrelevante Dinge zu kümmern. „Tatsächlich sind etwa poststrukturalistische Studien etwas schwer verständlich. Allerdings bezweifle ich, dass der Mann oder die Frau von der Strasse quantenphysikalische Abhandlungen oder ökonometrische Berechnungen besser versteht“, präzisiert Min Li Marti. „Dennoch gelten Letztere als Wissenschaft und Erstere als Zeitverschwendung. Wissenschaft ist unter den Zwang der Nützlichkeit gestellt.“

Nur mit Grenzerweiterung
„Für alle wissenschaftlichen Disziplinen gilt, dass sie nicht nur in ihre autonomen Fachkulturen, sondern auch in die Gesellschaft eingebettet sind. Die Kultur ist das übergreifende und umfassende Erzeugungssystem, innerhalb dessen auch alle Wissenschaften ihren Platz haben.“ Dies schreibt Aleida Assmann in ihrem Beitrag zur Vorlesungsreihe des Collegium generale in Bern (siehe „Grenzen in den Wissenschaften“, Haupt Verlag 2017). Der Auftrag der Kulturwissenschaft sei eine präzise Selbstbeobachtung, deshalb sei diese Disziplin von vornherein auf Grenzerweiterung und -überschreitung angewiesen, im Gegensatz zu anderen Disziplinen. Aleida Assmann, emeritierte Professorin für Anglistik, hat zusammen mit Jan Assmann, emeritierter Professor für Ägyptologie, den hoch dotierten internationalen Balzan Preis 2017 gewonnen. Sie konnten mit ihrem Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ aufzeigen, was das Zeit- und Geschichtsbewusstsein, sowie das Selbst- und Weltbild des Menschen prägt. Mit dem Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ müsste sich der ETH-Präsident Guzzella weniger sorgen, dass in Zeiten des beschleunigten Wandels das historische Bewusstsein verloren geht...



Donnerstag, 28. September 2017

Die Altersvorsorge 2020 und der Mahnfinger der Frauen

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Professor Fabrizio Mazzona der Università della Svizzera Italiana und sein römischer Kollege Franco Peracchi wollten wissen, wie sich der Ruhestand auf die Gesundheit der Menschen auswirkt. Darum haben sie die Daten von mehr als 8000 Frauen und Männern der internationalen Share-Studie, eine Langzeiterhebung über Alter und Ruhestand, überprüft. Die beiden Wissenschafter konzentrierten sich dabei vor allem auf Berufe bzw. Tätigkeiten der Protagonisten. Das Fazit von Mazzona und Peracchi? Alle, die körperlich gearbeitet haben, die sogenannten Blue Collar, sind nach der Pensionierung aufgeblüht. Dabei hat sich nicht nur ihr physischer Zustand, sondern auch ihre kognitive Fähigkeit verbessert. Alle, die mit dem Kopf gearbeitet haben, die sogenannten White Collar, haben nach ihrem letzten Arbeitstag körperlich und geistig abgebaut: „We show negative and significant effect of retirement on both health and cognitive abilities.“ (vgl. Fabrizio Mazzonna, Franco Peracchi Unhealthy retirement? Evidence of occupation heterogeneity). Die Studie ist schon drei Jahre alt, trotzdem hat die NZZ am Sonntag am 17. September darüber berichtet. Das Thema könnte nicht aktueller sein und passte zum „Vorsonntag“ der AHV-Reform-Abstimmung. Die NZZ am Sonntag hat es nicht versäumt, auch den Mediziner Albert Wettstein, Co-Leiter des Zürcher Zentrums für Gerontologie zu zitieren: „Die Pensionierung ist eine Krise.“


Der weibliche Mahnfinger
58 Prozent der Frauen haben am 24. September zur Reformvorlage der AHV Nein gesagt. Hätten die Schweizerinnen noch kein Stimmrecht wie vor 50 Jahren, dann wäre die AHV-Reform nicht abgestürzt, denn 51 Prozent der Schweizer Männer haben Ja gesagt. Diese Differenz der Geschlechter deuten die Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen als Opposition der Frauen gegen die Erhöhung ihres Rentenalters (siehe Artikel von 20 Minuten, 26.09.2017). Diese verkürzte Analyse der Politologen ist heikel: Frauen arbeiten viel, haben oft eine anstrengende Doppelrolle zwischen Familie und Beruf, bekommen gemäss Statistik weniger AHV, verdienen meistens auch weniger im Beruf und haben entsprechend weniger Geld in der Pensionskasse. Jetzt sollen die Frauen schuld sein, wenn der AHV das Geld ausgeht? Das Abstimmungsresultat ist wohl eher ein Signal der Frauen an Politologen, Reformer, Politiker und auch nach Bundesbern. Die AHV ist kein Sozialwerk, das sich nur mit Zahlen bereinigen lässt. Mit der aktuellen Debatte um die Altersversorgung ist eine wichtige Diskussion mit Grundsatzfragen um das Alter entbrannt: Wie wollen wir im Alter leben? Welche sozialen und kulturellen Bedingungen sind für ein humanes Altern notwendig? Geht es dabei wirklich um 70 Franken „Lohnerhöhung“ der AHV-Bezüger und um Rentenalter 65? Wohl kaum. Gegner und Befürworter der Reform, alle sind jetzt gefordert sich mit WissenschafterInnen aus allen Disziplinen, die sich mit Altern auseinandersetzen an einen Tisch zu setzen. Noch basiert das wichtigste Sozialwerk der Schweiz auf Solidarität...


Die Altersguillotine
Was heisst heute „alt sein“? Etwa das Ausscheiden aus dem Beruf? Also werden Männer in der Schweiz mit 65 Jahren alt, Frauen mit 64. Mit der alles bestimmenden Jahreszahl beginnt die Debatte über das Doing Age: Sind es die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, die Politiker und die staatlichen Strukturen, die über den älteren Menschen bestimmen dürfen? Die beiden Wissenschafter Fabrizio Mazzona und Franco Peracchi haben es anhand von 8000 Einzelschicksalen bewiesen (siehe erster Blog-Absatz), dass der Ruhestand je nach Beruf gesund- oder krankmachen kann. In einer neuen Publikation des deutschen Psychosozial-Verlages mit dem Titel „Altwerden wie es mir gefällt“ beschreiben die Sozialwissenschafterinnen Angelika Rohwetter und Marlies Böner Zollenkopf das Älterwerden aus verschiedenen Perspektiven. Sie haben mit Frauen und Männer im Alter zwischen 60 und 70 über ihre Lebenssituation gesprochen. Im Fokus dieser Lebensgeschichten steht der Übergang von der Berufstätigkeit zum Ruhestand. Altwerden wie es mir gefällt... Diese Maxime bedeutet, dass es nicht nur allgemeingültige Regeln gibt für Ältere. Es sollte sich jeder reife Mensch an seinen eigenen Impulsen und Möglichkeiten orientieren dürfen: „Für den Psychiater Carl Gustav Jung ist der Zustand der Reife noch ein ganz anderer, nämlich der einer geglückten Individuation, also zu einem wahren Selbst. Wahr bedeutet in diesem Fall – echt, authentisch, glaubwürdig. (vgl. Rohwetter und Böner Zollenkopf).“


Arbeit nach 65: So schröpft der Fiskus die Rentner
Diese Schlagzeile vom 16. September 2017 stammt nicht etwa von der Boulevard-Presse – mit dieser Zeile hat die NZZ am Sonntag seine LeserInnen wachgerüttelt. Ob der Artikel das Abstimmungsresultat beeinflusste, darüber gibt es keine Statistik. Tatsache ist, dass nach der Pensionierung freiwillig zu arbeiten unattraktiv ist. Die Steuern steigen in eine höhere Progression, da mit AHV und Pension das Einkommen steigt. Aber genau in diesem Punkt sind grundsätzlichere Reformen gefragt für alle, die noch nicht müde sind und weiterarbeiten möchten. Was ist mit dem Mangel an Fachkräften, der sich in den nächsten Jahren zuspitzen wird, weil die Babyboomer in Rente geschickt werden? Eine angemessene Steuerreform für arbeitende „junge Alte“ wäre eine Win-Win-Situation für Wirtschaft und Gesellschaft. Nebenbei: Dieser steuerliche Aspekt hätte sich in der abgelehnten AHV-Reform weiter verschlechtert.


Adieu Altersvorsorge 2020
„Das Schweizer Stimmvolk hat am Sonntag das grosse Reformprojekt Altersvorsorge 2020 relativ deutlich bachab geschickt. Für die Schweizer Presse ist klar, dass jetzt eine Disskusion über die Erhöhung des Rentenalters folgt“, so lautet eine Stimme in der Presseschau auf der Webseite von „Ageing Society“. Just zwei Wochen vor der besagten Abstimmung wurde eine neue Plattform «a+ Platform Ageing Society» im Internet aufgeschaltet. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz lancieren zusammen mit der Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie mit 29 Partnern und weiteren Stakeholdern diese Webseite. Damit sichern sie Überblick und Zugang zu aktuellen Informationen, Studien und partizipieren an dem Globalen Strategie- und Handlungsplan zum gesunden Altern der Weltgesundheitsorganisation WHO: http://www.ageingsociety.ch/ageing-society.html

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