Ein Beitrag von Urs Hafner, Journalist und Historiker
Der Homo scientificus helveticus ist keine Philologin, er ist ein Ingenieur. Er deutet nicht die Welt, er bohrt Tunnels. Kein Wunder also, dass die Geisteswissenschaftler in der Öffentlichkeit einen schweren Stand haben.
Wenn Geisteswissenschaftler in den Massenmedien auftreten, dann oft als Nachlassverwalter einer «Bildung » und «Kultur», die gern in Festagsreden beschworen werden, von denen aber kaum jemand zu sagen vermag, wozu sie eigentlich gut seien. Sobald es um die real things geht, kommt die Geisteswissenschaftlerin nicht mehr zu Wort. Dann statuieren der Naturwissenschaftler und der mit statistischen Wahrheiten operierende Sozialwissenschaftler, was Sache ist.
Sich kurz fassen
Dieser Umstand ist umso paradoxer, als viele Medienschaffende ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen oder zumindest angefangen haben. Im brummenden Berufsalltag angekommen, haben sie nur noch Verachtung für das schöngeistige «Geschwurbel» ihrer einstigen Dozenten übrig: Sie produzieren jetzt am Laufmeter Handfestes. Gewiss steckt hinter dieser Haltung viel Ressentiment; für dialektische Gedankengänge hats in der Massenpresse keinen Platz. Manche Geisteswissenschaftler nehmen sich jedoch (wie andere Menschen auch) nicht die Mühe oder sind nicht imstande, in wenigen Worten zu sagen, was sie eigentlich machen – was umso fataler ist, als für sie hinsichtlich der Verständlichkeit besonders strenge Massstäbe gelten, weil sie mit und an der Sprache arbeiten und lebensweltliche Gegenstände untersuchen, von denen alle etwas zu wissen glauben. Sie schieben kulturwissenschaftlichen Jargon vor sich her oder jammern über das sinkende Niveau. Oder verweigern sich der Journaille ganz. Wer die positivistischen Angriffe der verbetrieblichten Welt jedoch nicht pariert, riskiert, in der Requisitenkammer der Geschichte deponiert zu werden.
Sich mehr einmischen
Was tun? Die beschleunigten Massenmedien und die reflektierten Geisteswissenschaften werden nie gute Freunde sein. Aber Letztere könnten versuchen, sich vermehrt in die Kämpfe um die Deutungshoheit über die soziale Wirklichkeit einzumischen. Wer, wenn nicht sie – wohl kaum die Pop-sciences –, besitzt das Rüstzeug, Ideologien zu identifizieren und Dummheiten zu benennen? Allerdings müssten sie bereit sein, sich auf die Logik der Medien einzulassen. Dazu braucht es nicht nur eine um Klarheit und Knappheit bemühte Sprache, sondern auch viel Geduld und Nerven.
Der Artikel erschien im SAGW-Bulletin 2/2013 zum Dossier «Empfehlungen für die Geisteswissenschaften» und analysiert die Wahrnehmung der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft. Das SAGW-Bulletin finden Sie hier: http://www.sagw.ch/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/bulletin.html
Meinungen und Themen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften
Neue Entwicklungen aufgreifen, gesellschaftlich relevante Themen bearbeiten und das Wissen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufbereiten sind Kernaufgaben der SAGW. In diesem Blog berichten wir zu unseren Schwerpunkten Sprachen und Kulturen, Nachhaltige Entwicklung und Wissenschaft im Wandel sowie über aktuelle Themen aus der Wissenschaftspolitik. Sind Sie anderer Meinung? Bitte teilen Sie uns diese mit - sie interessiert uns.
Donnerstag, 23. Mai 2013
Mittwoch, 1. Mai 2013
Horizon 2020 – Wir kommen!
Beitrag von Dr. Regina Schneider, Euresearch
Während sich in
Brüssel die Europäische Kommission (EC), der Rat der Minister und die
VertreterInnen des Europäischen Parlamentes noch um die genaue Ausgestaltung
des nächsten Europäischen Rahmenprogramms für Forschung und Innovation
(„Horizon 2020“) streiten, steht dieser Tage die grundsätzliche Weiterführung
der Schweizer Beteiligung an Horizon 2020 in der nationalrätlichen Kommission
für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) zur Diskussion. In der generell
etwas angespannten Beziehung zwischen der EU und der „Rosinenpickerin“ Schweiz
wäre eine einhellige Zustimmung zur Erneuerung des Assoziationsvertrages durch
das Parlament ein schönes, positives Signal nach Brüssel.
Das hoffentlich grüne
Licht des Parlaments beinhaltet aber auch eine Verpflichtung. Wenn die Schweiz schon
bedeutende Summen an die EC transferiert, dann soll die hiesige Wissenschaftsgemeinschaft
die Gelegenheit auch wahrnehmen und versuchen, sich ihren Anteil am reich
gefüllten Topf in Brüssel zu sichern. Viele Organisationen in unserem Land haben
diese Finanzierungsquelle längst für sich entdeckt; die Geistes- und
Sozialwissenschaften (GSW) dagegen übten sich bisher in sehr vornehmer
Zurückhaltung. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Argumenten, die gegen ein
Engagement der GSW in FP7 oder Horizon 2020 sprechen. Immer wieder hinterlassen
die angeführten Gründe bei mir aber den Beigeschmack von sauren Trauben. Wem
die thematischen Programme mit ihren „top-down“ vorgegebenen Forschungsthemen
zu starr, die Organisationsformen zu fremd sind, könnte es ja mit einem Grant des
European Research Council versuchen, wo die Themen frei von den Forschenden
bestimmt werden können. Für diejenigen, denen auch dies zu aufwendig ist, gibt
es COST-Actions, die es ermöglichen, sich mit ausländischen Forschenden im gleichen
Themengebiet zu vernetzen. Auch hier ist die Fragestellung voll und ganz der
Forschenden-Community überlassen, und der administrative Aufwand ist minimal. Und
dennoch machen selbst von diesem niederschwelligen Instrument kaum Schweizer
GSW-Forschende Gebrauch. Welche stichhaltigen Gründe sprechen denn noch gegen eine
solch einfache Form der europäischen Zusammenarbeit?
In der Pflicht sind aber auch die Universitäten. Zu oft verstehen
GSW Fakultäten und Institute Engagements in europäischen Forschungsprojekten immer
noch als Privatvergnügen der Antragstellenden, das mit ihren übrigen Lehr- und
administrativen Pflichten nicht kollidieren darf. Dass eine erfolgreiche
Beteiligung an einem EU-Projekt aber der ganzen Institution zur Ehre
gereicht—sie ist es ja, die sich zur Forschungsleistung verpflichtet, und nicht
die Einzelperson—haben viele Schweizer Universitäten noch nicht verstanden,
zumindest nicht, wenn es sich um GSW Projekte handelt. Ein Umdenken in dieser
Hinsicht wäre nicht nur für die einzelnen Forschenden wünschenswert. Wenn immer
wieder beklagt wird, dass die Öffentlichkeit die gesellschaftliche Relevanz von
GSW Forschung nur ungenügend anerkennt, so hängt das auch damit zusammen, dass
die Institutionen sich zu selten über Forschungsresultate ihrer GSW
profilieren. Von der WBK wünschen wir uns eine Hinwendung zu Europa, von den
Schweizer Rektoraten aber die nötige Unterstützung der Geistes- und
Sozialwissenschaften, denn nur letztere können uns erklären, was Europa
überhaupt ist.
Mittwoch, 17. April 2013
«Erneuerung der Geisteswissenschaften» – Die Debatte ist eröffnet
Editorial von Markus Zürcher für das SAGW- Bulletin 2/2013 zum Thema «Empfehlungen für die Geisteswissenschaften»
Wie im letzten Bulletin (1/13) berichtet, hat die Akademie im Dezember 2012 Empfehlungen und Handlungsoptionen für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften im Bereich der Lehre, der Forschungsförderung sowie der Leistungs- und Qualitätsmessung publiziert. Gegenwärtig sind sie bei den Rektoraten, Prorektoraten, den zuständigen Dekanaten, dem Mittelbau sowie den Forschungsförderungsorganen in Konsultation. Deren Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Im Hinblick auf die öffentliche Podiumsdiskussion am 24. Mai haben wir jedoch bereits sechzehn mit den Geisteswissenschaften in Lehre, Forschung und Vermittlung befasste persönlichkeiten um eine erste Stellungnahme gebeten. Die Debatte ist eröffnet. Die Reaktionen zeigen, dass sowohl Diskussions- als auch Klärungsbedarf besteht: Auf verhaltene Zustimmung bis Ablehnung stossen die Vorschläge im Bereich der Lehre. Bisweilen wird die geforderte, verstärkte Orientierung an der Praxis («grand challenges») als «entweder oder» und nicht im Sinne eines «Sowohl als auch» gelesen. Die Zweistufung des Studiums scheint nicht in einer befriedigenden Form zu gelingen. Nicht zu vergessen ist, dass das universitäre System diesbezüglich widersprüchliche Anreize setzt. Breite Unterstützung finden die Empfehlungen hingegen im Bereich der Forschung. Begrüsst wird insbesondere die Forderung nach besseren Karrieremöglichkeiten für den Nachwuchs. Auch die Schaffung von Zentren wird mehrheitlich als sinnvoll erachtet. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die für diesen Bereich von den Befragten unterbreiteten ergänzenden und weiterführenden Vorschläge. Sieben Beiträge zur Vermittlung und öffentlichen Wahrnehmung der Geisteswissenschaften schliessen das Dossier zum Positionspapier ab. Sie lassen deutlich werden, dass die zurückhaltend bis ablehnend aufgenommene Forderung nach einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem «Nutzen» und der praktischen Relevanz der Geisteswissenschaften nicht umgangen werden kann. Deren Bedeutung wie Leistungen müssen dargelegt werden und dies erfordert Prägnanz und Geduld. Dies gilt auch für die Fortsetzung der nun angestossenen Debatte über eine Neupositionierung der Geisteswissenschaften in einem fundamental veränderten universitären und gesellschaftlichen Kontext.
Die Leistungs- und Qualitätsmessung haben wir nicht zur Diskussion gestellt. Die Entwicklung ist weit fortgeschritten, eine proaktive Haltung deshalb angezeigt: Es ist an den Fachgesellschaften, den Evaluationsstellen die Kriterien und Verfahren vorzuschlagen, nach denen sie bewertet werden wollen. Dies setzt eine Selbstverständigung voraus, was nicht zuletzt zur Stärkung der einzelnen Fachbereiche und der Geisteswissenschaften insgesamt beiträgt. Dasselbe gilt für die Stellung und Funktion des Lateins, die Gegenstand einer gut besuchten, kontrovers geführten Podiumsdiskussion war. In beiden Fällen sieht die SAGW vor, die Fachgesellschaften für ein wirksames Engagement zu gewinnen und sie dabei im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen. Obwohl die Möglichkeit, sich vermehrt mit den «grand challenges» zu befassen, kontrovers eingeschätzt wird, laden wir Vertreterinnen und Vertreter aus allen geisteswissenschaftlichen Bereichen ein, ihre Kompetenzen wie ihr Wissen in den Schwerpunkt «Gesundheitssystem im Wandel» einzubringen. Nach umfassenden Vorarbeiten haben die Akademien der Wissenschaften Schweiz am Ende des letzten Jahres eine «Roadmap für ein nachhaltiges Gesundheitssystem» publiziert. Die vorgeschlagenen Massnahmen werden gegenwärtig mit allen «stakeholders» diskutiert. Unbestritten ist, dass deren Umsetzung geistes- und sozialwissenschaftliche Expertise erfordert. Die bis heute dominanten, auf die Identifikation von Krankheiten und den mit ihnen verbundenen Defiziten ausgerichteten Konzepte müssen teilweise korrigiert, mit Sicherheit ergänzt werden. Neue, auch zukunftsweisende Perspektiven erschliesst ein dynamischer Gesundheitsbegriff, welcher die Aufmerksamkeit auf den Erhalt und die Stabilisierung der Gesundheit lenkt, die Alltagsbewältigung und die Lebensqualität ins Zentrum rückt. Seit ihren Anfängen mit der Frage nach dem «guten Leben» befasst, dürfen von den Geistes- und Sozialwissenschaften in dieser Sache massgebliche Beiträge erwartet werden.
Donnerstag, 11. April 2013
Digital Turn – wohin?
Ein Beitrag von Dr. Beat Immenhauser, SAGW
Der digitale Wandel und mit ihm die Digital
Humanities (DH) sind auch in der Schweiz angekommen. Zu diesem Schluss könnte
man kommen, wenn man sich die zahlreichen Meldungen zu diesem Thema, die
hierzulande unter dem „DH-Label“ figurieren, vor Augen führt. Da ist etwa von Digitalisierungen
historischer Ressourcen, von der Umbenennung eines Instituts, von einer Summer School oder weiteren Veranstaltungen die
Rede. Gegenwärtig hat sehr Vieles Platz unter diesem Label, und das ist auch
gut so. Dabei spürt man eine grosse Lust vor allem in der jüngeren Generation
der Forschenden, digital vorliegendes Quellenmaterial zu nutzen und dabei
geeignete digitale Werkzeuge zu verwenden. Führt dies zum „digital turn“ in den
Geisteswissenschaften, der die linguistischen und kulturwissenschaftlichen Paradigmenwechsel
des 20. Jahrhunderts ablöst? Es wäre verfrüht, diese Frage mit Ja oder Nein zu
beantworten. Allein schon der Medienwechsel, also die digitale Verfügbarkeit von
Quellen, wird nicht ohne Folgen auf die Geisteswissenschaften bleiben. Damit
sich jedoch ein theoretischer Wandel auf breiter Form einstellen wird, müssten
konsequent informatikgestützte Methoden zur Bearbeitung von Fragen eingesetzt
werden, die auf „herkömmliche“ Weise nicht zu erörtern sind. Solche Ansätze
lassen sich an den institutionellen Kristallisationspunkten der DH in der
Schweiz in der Tat schon beobachten, auch wenn die Formalisierung der
Ausbildung etwa in Form eines Studiengangs noch in den Anfängen steckt.
Noch ist die ganze Bandbreite möglicher
Forschungsfragen, die sich im Zusammenhang mit den DH stellen, in der
geisteswissenschaftlichen Fachgemeinschaft nicht breit verankert. Die SAGW
bietet deshalb im Rahmen ihrer Herbsttagung zum Thema Digital Humanities: Neue
Herausforderungen für den Forschungsplatz Schweiz (Bern, 28./29.
November 2013) Forschenden Gelegenheit, ihre DH-Projekte der Fachgemeinschaft
zu präsentieren. Der Call for Papers ist angelaufen
und dauert bis am 26. April 2013.
Mittwoch, 27. März 2013
Wahrnehmung der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft
Ein Beitrag von Marlene Iseli, SAGW
Ende Oktober vergangenen Jahres äusserste sich Bundesrat Johann Schneider-Amman, dem seit Anfang 2013 das neu strukturierte Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung unterstellt ist, zur Maturitätsquote und warnte vor zu vielen Maturanden. Dies löste eine heftige Debatte aus, wobei nicht zuletzt die Geisteswissenschaften ins Schussfeld gerieten, seien sie doch letztlich für die Wirtschaft nicht offensichtlich rentabel.
Auch im Zusammenhang mit der Debatte um den Fachkräftemangel bei den MINT-Berufen wurden einige Seitenhiebe gegen die für allzu viele junge Menschen attraktiven Geisteswissenschaften ausgeteilt, Klischees wie taxifahrende Philosophieabgänger und arbeitslose Doctores philosophicae wurden wiederholt bedient. Im Kampf um knapper werdende Ressourcen und zunehmend fehlende Arbeitskräfte infolge des demographischen Wandels wird ein Nährboden geschaffen, um Berufsbildung gegen akademische Bildung, Ingenieurwissenschaften gegen Geisteswissenschaften und Wirtschaftlichkeit gegen kulturellen Reichtum auszuspielen. Es erstaunt nicht, dass im Lichte der medial geführten Debatte auch die Geisteswissenschaften unter Druck geraten.
Relevanz der Geisteswissenschaften sichtbar machen
Dabei präsentiert sich die Lage der Geisteswissenschaften in Zeiten grosser gesellschaftlicher Herausforderungen alles andere als schlecht. In einer kulturell heterogener gewordenen Gesellschaft verstärkt die zunehmende Wahrnehmung grenzüberschreitender Phänomene das gesellschaftliche Interesse nach identitätsbildendem Orientierungswissen. So haben technische Entwicklungsprozesse auch immer eine soziale Komponente, Gesundheitsfragen verlagern sich vermehrt von den medizinischen Befunden zu übergeordneten Fragen nach Lebensqualität und sozialen Dispositionen. Neue Gesellschafts-, Familien-, Lebensformen und -Strukturen dürsten nach Wissen um Religiosität, Tradition und Innovation, transkulturelle Kommunikation und Medialität. Das Positionspapier «Für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» der SAGW setzt sich auf übergeordneter Ebene dafür ein, dass die Relevanz der Geisteswissenschaften gestärkt wird, auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Disziplinen, die sich mit dem Handeln und Hervorbringungen der Menschen in ihrer ganzen Vielfalt beschäftigen.
«The discussion must go on»
Ob sich stark haltende Vorurteile abbauen lassen...? Dies bleibt zu hoffen, in der veröffentlichten Diskussion um die employability stossen stichfeste Argumente gegen die vielzitierte Arbeitsmarktproblematik der Geisteswissenschafter offenbar immer noch regelmässig auf taube Ohren... Aber man weiss, man kann erst entscheiden, ob man Rosenkohl mag, wenn man ihn mindestens zehn Mal probiert hat.
Hinweis
Am 24. Mai stellt die SAGW das Positionspapier «Für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» zur Diskussion. Auf dem Podium sind Heinz Gutscher (Präsident der SAGW), Markus Zürcher (Generalsekretär der SAGW), Walter Leimgruber (Moderation, Vorstandsmitglied der SAGW), Angelika Kalt (Stellvertretende Direktorin SNF), Mauro Dell’Ambrogio (Staatssekretär des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation), Danielle Chaperon (Prorektorin Lehre, Uni Lausanne), Wolfgang Fuhrmann (Ko-Präsident der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich VAUZ und Vorstandsmitglied von actionuni).
Beteiligen Sie sich an der Debatte! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Im Bulletin 2/13 der SAGW nehmen ausgewählte Persönlichkeiten Stellung zum Positionspapier. Sie finden das Bulletin ab Mitte April unter: www.sagw.ch/bulletin
Donnerstag, 21. März 2013
Europa muss sich auf seine Stärken besinnen
Ein Beitrag von Paul Messerli und Rainer Schwinges
Viele Europäer fühlen sich in der Defensive: Krise, wohin man schaut, in der Finanzwelt, in der Praxis der Demokratie, in der Verteidigung der Menschenrechte, gegenüber der globalen Konkurrenz, bei der Integration der Europäischen Union. Europas Staatengemeinschaft ist drauf und dran, ihre Fähigkeit zu verlieren, diese Krisen aus dem Wissen um ihre Stärken zu meistern und eine proaktive Rolle in der neuen Weltordnung zu spielen.
In jüngster Zeit haben verschiedene bekannte Autoren ihre Sicht zur Lage und Bedeutung „des Westens“ in der heutigen Welt vorgestellt. Sie konvergieren in der von Francis Fukuyama gemachten Aussage, die westliche Welt sei immer noch das einzige globale Erfolgsmodell, allen Schwächen zum Trotz.
Wer vom Westen spricht, meint die Welt demokratischer Sozialstaaten mit kapitalistischen Marktwirtschaften; sie umfasst also neben Europa als Ursprung dieser Staats- und Gesellschaftsformation die Staaten der Welt, die dem normativen Projekt des Westens verpflichtet sind. Zu diesem Projekt gehören nach Heinrich August Winkler(1) die unveräusserlichen Menschenrechte, die Idee der Herrschaft des Rechts, die Gewaltenteilung und die Volkssouveränität. Winkler fordert Europa auf, den alten Westen glaubwürdig zu repräsentieren, mit der Begründung, die USA hätten heute durch religiös-fundamentalistische Tendenzen eine zu grosse Distanz zur Aufklärung eingenommen. Europa ist also doppelt gefordert, weil sich der Systemwettbewerb mit den neuen Aufstiegsmächten China vorab und Indien verstärkt und die Krise die gegenwärtige Position des alten Westens schwächt. Die Krise kann aber gleichzeitig Chance sein, durch Rückbesinnung auf die in der Geschichte angelegten und erstrittenen Fähigkeiten erneut ein erfolgreicher Akteur auf der Weltbühne zu sein. Die Frage stellt sich also, worauf sich denn Europa besinnen soll und muss, wenn daraus die Kraft, durchaus im Sinne von Innovationskraft, und das Vertrauen in die gemeinsame Zukunftsgestaltung erwachsen soll?
In Europa hatte sich eine Innovationskultur entwickelt, die mindestens seit dem industriellen Zeitalter einen materiellen und institutionellen Vorsprung gegenüber anderen Teilen der Welt sicherte. Dass man anderswo in der Welt andere Wege gegangen ist und geht und offenbar damit Erfolge erzielt, ist unbenommen und über dies lehrreich. Europa hat immer schon von anderen gelernt und ist gut beraten, dies auch künftig zu tun. Aber es sollte sich auch seiner eigenen Stärken bewusst sein. China zum Beispiel macht es dem Westen vor. Es trägt nicht nur die Last seiner Geschichte von 2000 Jahren, sondern setzt sie aktiv als ungebrochenes Erfahrungsreservoir ein.
Bereits im vormodernen, teils mittelalterlichen Europa waren Elemente und Antriebskräfte angelegt, die wesentlich die Moderne ausmachten und von denen wir heute noch profitieren. Sie betrafen nie ganz Europa, sondern schieden West und Ost, haben Europa aber zugleich gegenüber anderen Kulturen ein unverwechselbares Gesicht und auch ein spezifisches Klima für Innovationsprozesse gegeben. Einzelne Elemente mögen bereits in der Antike vorhanden gewesen sein, doch erst in ihrer Verknüpfung miteinander in einer ersten fundamentalen Aufbruchs- und Expansionsphase der europäischen Geschichte vom 11. zum 13. Jahrhundert haben sie Neues für die Zukunft auf den Weg gebracht.
Zu diesen Elementen zählt – man kann mit dem Historiker Thomas Nipperdey(2) sechs markante benennen –, dass Europa selbst erst einmal als politisch-kulturelle Wirklichkeit entstanden ist. Dabei erkannte man sich in seiner Vielfalt von Völkern und Sprachen und entwickelte ein inneres Bewusstsein vom „Wir“: wir Franzosen, wir Tschechen, wir Bayern, das positive, auf sich selbst bezogene Orientierung beinhaltete und nicht nur gegen Andere gerichtet war. Dieses Europa war damals ein (papst-)christlich geprägtes Europa, das zum kulturellen Erbe geworden ist. Eines der grossen Themen, die Trennung der geistlichen und weltlichen Institutionen, ist bereits im ausgehenden 13. Jahrhundert praktisch vollzogen worden, was im historischen Prozess am Ende Liberalität und Säkularität bedeutete. Papsttum und Kaisertum fochten die Sache aus; doch vom Herrschaftsanspruch des Papsttums ist nichts geblieben.
Ein zweites Element ist das Christentum selbst, insofern es den Wert des Individuums trotz aller Institutionalisierungen in Kirchen und Gemeinden, Dogmatik und Recht betont. Es ist eine Gewissensreligion, die zur Annahme persönlicher Schuld und Verantwortung auffordert. Das setzte subjektives und dynamisches Handeln frei und mündete nicht zuletzt in der Überzeugung, die Zukunft zu gestalten sei in die eigenen Hände zu nehmen.
Bildung und Wissenschaft sind ein drittes Element, institutionalisiert in der Universität als einer westeuropäischen Erfindung. Sie hat Bildung und Wissenschaft als produktive Elemente in die Gesellschaft eingeführt und sie prinzipiell für alle zugänglich gemacht.
Zum vierten muss man die Stadt als Sozial- und Rechtsform hervorheben, die neben Markt und Selbstregierung auf dem vertraglichen Ausgleich zwischen Herrschaft und Genossenschaft basierte. Über Bürgerrechte und grundsätzliche politische Partizipation legte sie die Wurzeln des modernen Bürgertums.
Als ein weiteres Element gilt der sich früh aus den Ständen formierende Staat. Amtleute, gelehrte Experten, Kaufleute, Bürger, halfen dabei, die Feudalsysteme zu überwinden. Ihre Beteiligung in den Parlamenten, Häusern, Reichs- und Landtagen führte letzten Endes zum konstitutionellen Staat.
Schließlich ist die spezifische Rechtskultur zu nennen: Gelehrtes Recht überlagerte Gewohnheits- und Partikularrechte und sicherte verbriefte Freiheiten, die Ursprünge aller konkreten Freiheiten, die über viele, nicht zuletzt auch revolutionäre Wege, zu den modernen Menschenrechten führten.
Diese sechs Elemente, konstituieren grundsätzlich die westliche Zivilisation; sie bilden seit der Aufbruchszeit des hohen Mittelalters die ideellen und institutionellen Grundlagen der modernen Entwicklung. Seit der neuerlichen Aufbruchszeit des 18./19. Jahrhunderts traten als deren materielle Grundlagen Agrarmodernisierung und Industrialisierung hinzu und wurden zu den zentralen Wachstumskräften. Diese gewaltigen Innovationen entstanden in Europa in Konkurrenz seiner Staaten untereinander, aus Knappheiten in der Ressourcenausstattung und der Versorgung mit Nahrungsmitteln bei wachsender Bevölkerung. Im Vergleich mit China zu jener Zeit kann man dort nicht etwa technologische Rückständigkeit, sondern Überfluss bei fehlender Konkurrenz feststellen.
Europa bot ein dynamisches Umfeld in Vielfalt und kreativer Zersplitterung bei gleichzeitigem grenzüberschreitendem Austausch von Ideen und Wissen über die Netzwerke der Höfe, der Klöster und Kirchen, der Städte und der Universitäten. Die Vielfalt des Lernens stimulierte den Wettbewerb der Ideen, Technologien und Institutionen, was den europäischen Entwicklungspfad bis heute auszeichnet. Konfliktfrei verlief das alles nicht, im Gegenteil, viele Kriege wurden geführt, innerhalb wie ausserhalb, und oft genug hat Europa schmerzhaft erfahren müssen, dass seine Errungenschaften letztlich Resultate des Kampfes mit sich selbst gewesen sind, wie jetzt auch wieder in der Krise, die offenbar wesentlich eine Krise des Zusammenwachsens ist.
Diese institutionellen und materiellen Errungenschaften bilden für die europäischen Staaten die gemeinsamen Voraussetzungen für das Einstehen gegen die Gleichheit von Nation und Macht in einem Staat, und für die Teilung der Macht im Rahmen von staatlichen und überstaatlichen Institutionen. Sie können sich gegen Anarchie stellen, gegen Klientelismus und Korruption und für die Herrschaft des Rechts eintreten.
Sie können sich gegen „Dynastien“ und Gemeinschaften wenden und den Vorrang des Individuums mit seinen persönlichen Bedürfnissen behaupten. Sie können gegen Fatalismus und Laissez-faire vorgehen und die Eigenverantwortung zur materiellen Lebenssicherung einfordern. Sie können gegen fremde, „feudale“ Verfügungsgewalt über Boden und Arbeit eintreten und Besitz, Eigentum und Erbe garantieren.
Damit verfügt Europa über Ordnungssysteme zur Konfliktregelung in zentralen Lebensbereichen, die von einer über Europa hinausreichenden, modellhaften Bedeutung sein dürften: Es sind dies das öffentlich-rechtliche, wirtschaftliche und kulturell-institutionelle Ordnungssystem.
Im ersteren muss es immer wieder gelingen, das partikulare Prinzip der Nation und das universalistische Prinzip der rechtlichen Gleichheit aller Bürger in einem Staat zu verbinden. Die europäische Integration weist wiederum den Weg zu Spielregeln, die das Partikulare der Nationalstaaten und das Universale der demokratisch gleichberechtigten Mitgliedsstaaten ausgleichen.
Das wirtschaftliche Ordnungssystem verbindet individuelles Gewinnstreben im Rahmen der Marktwirtschaft mit sozialem Ausgleich. Es ist zurzeit massiv unter Druck geraten und muss die Finanzierung der Sozialwerke infolge des demographischen Wandels neu regeln, ohne dabei die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft aufzugeben. Nach wie vor bietet der europäische Wettbewerbsraum aber ein Labor für die Weiterentwicklung wirtschaftlicher Ordnungssysteme, nicht zuletzt mit Blick auf jene Länder, die sich bisher trotz aller Krisenerscheinungen gut gehalten haben, wie zum Beispiel die Schweiz und die skandinavischen Länder.
Kern des kulturell-institutionellen Ordnungssystems ist die Institution Wissenschaft, wie sie sich seit etwa 1750 in einem dynamischen Prozess entwickelte, getrieben von der menschlichen Neugier und befreit von religiösen und ideologischen Ge- und Verboten. Die subversive Kraft dieser Botschaft ist in vielen Weltgegenden angekommen, weil sie Fortschritt und Wohlstand verspricht. Wissenschaft und Bildung sind die Teile der westlichen Kultur, die als zentrale Modernisierungselemente in verschiedene Kulturen Eingang gefunden haben. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass in alledem der Schlüssel zu jenen Qualitäten liegt, die Europa so attraktiv für die Zuwanderung machen: die politische Stabilität, die wirtschaftliche Prosperität und die erprobten Mechanismen des sozialen Ausgleichs als tragende Säulen bürgerlicher Demokratien.
Ein Blick auf die Ausstrahlung der Errungenschaften auf andere Kulturen, die Europa heute herausfordern, zeigt, dass nie das Ganze, sondern nur Teile übernommen werden, so etwa demokratische Grundrechte in Indien, marktwirtschaftliche Strukturen in China. Übernehmende sind vor allem die neuen Mittelschichten, die sich in ihren Lebensformen und Lebensentwürfen an europäische bzw. westliche Vorbilder anlehnen. Wie die europäische Erfahrung lehrt, waren immer die Mittelschichten in wirtschaftlicher, kultureller, aber auch politischer Hinsicht besonders agil, nur dass sie heute unter dem Einfluss der wirtschaftlichen Krisen zu erodieren beginnen, während sie in den aufstrebenden Schwellenländern schnell an Bedeutung gewinnen. Daran die Prognose zu knüpfen, dass auch in autoritären Wachstumsländern wie China der aufstrebende Mittelstand weitergehende, vor allem politische Freiheits- und Beteiligungsrechte einfordern wird, mag berechtigt sein, sie kann aber auch grundsätzlich bezweifelt werden. Denn die Stellung des Individuums in der Gesellschaft und gegenüber dem Staat bleibt gerade in China stark in der konfuzianischen Tradition verhaftet, somit untergeordnet.
Worauf man sich in Europa besinnen muss, um seine Errungenschaften und Freiheiten nicht nur zu bewahren, sondern wirklich zu leben, unbesehen alternativer Wege zu Wohlstand und Macht, ist ein Doppeltes: einerseits das „Wir-Europäer“ in dieser Welt durch einen gemeinsamen politischen Kurs gegenüber den aufstrebenden Weltmächten glaubhaft zu demonstrieren, andererseits die gewachsenen Unterschiede und die Vielfalt in Europa zu erhalten, aus denen immer wieder im Wettbewerb der Ideen Neues entstanden ist. Unter diesen Vorzeichen wird Europas Errungenschaften und Institutionen weiterhin globale Aufmerksamkeit zukommen. Der Weg dahin mag weiterhin krisenhaft sein, wie das auch Andreas Wirsching(3) in seinem jüngsten Buch aufzeigt und wir es eben erleben. Der europäische Integrationsprozess ist aber unumkehrbar und jede Krise bringt dieses neue, erweiterte Europa einen Schritt weiter, wenn es denn die genannten Errungenschaften verinnerlicht und konsequent zum Massstab der Mitgliedschaft macht.
Europa muss aber auch erkennen und anerkennen, dass andere Wege in andern Kulturen in kurzer Zeit zu wirtschaftlicher und politischer Macht führen können. Und so gilt es im klaren Bewusstsein einer gemeinsam geteilten und zu teilenden Geschichte, den Risiken und Unwägbarkeiten in diesem Globalisierungsprozess durch Vertrauen in die europäischen Institutionen zu begegnen.
Literatur:
(1) Heinrich August Winkler 2009/11: Geschichte des Westens; C.H. Beck.
(2) Thomas Nipperday 1998: Deutsche Geschichte; C.H. Beck.
(3) Andreas Wirsching 2012: Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit. C.H. Beck.
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