Dienstag, 26. Mai 2015

«La suisse n’existe pas» – Braucht es die Diskussion zur Identität?»

Beitrag von Beatrice Kübli, SAGW

Was macht die Schweiz aus? Wie sehen sich die Schweizerinnen und Schweizer? Gibt es überhaupt eine gemeinsame Identität? Im Jahr 2015, wo viele historische Jubiläen gefeiert werden, scheint es wieder an der Zeit, sich diesen Fragen zu stellen, die Ben Vautier an der Weltausstellung 1992 in Sevilla schon provokativ mit «La suisse n’existe pas» beantwortet hat.

Mit einer Veranstaltungsreihe, basierend auf der Initiative von 15 Fachgesellschaften aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, geht die SAGW in den nächsten Monaten diesen Fragen nach. Am Freitag, 29. Mai, findet die Auftaktveranstaltung zu dieser Reihe an der Universität Bern statt. Im Zentrum stehen die Schweizer Geschichte und die Frage nach dem Umgang mit ihren Gründungsmythen und zur Rolle der unterschiedlichen Geschichtsbilder. So lehnt beispielsweise Prof. Dr. André Holenstein die «vorherrschende einseitige und selbstgefällige Sichtweise» ab und votiert in seinem Artikel «Die Schweiz in Europa. Gedanken des Historikers» dafür, «eine transnationale Sichtweise ins Spiel zu bringen, die konsequent die grenzüberschreitenden Kräftekonstellationen als bestimmende Faktoren der Schweizer Geschichte in den Blick nimmt.»

Die Schweiz also als Player in Europa, Finanzplatz, wichtige Drehscheibe? Oder doch die heile Bergwelt in einem neutralen Land? Im Ausland tut man sich mit der Frage nach der Schweizer Identität nicht so schwer: Schokolade, Matterhorn, Heidi, Geld, Luxusuhren, Käse, Banken, Reichtum und direkte Demokratie sind einige der Begriffe, die der deutsche Markenexperte Klaus-Dieter Koch in seinem Artikel «Die Marke Schweiz – eine Utopie?» nennt. Ein klares Bild, das dazu führt, dass die Schweiz auf der Liste der «Nation Brands» 2014 Rang 2 einnimmt, und damit nur gerade von Japan übertroffen wird.

Es scheint sich also eher um ein internes Problem zu handeln. «Offenbar wollen wir, müssen wir noch immer von Identität reden», stellt Prof. Dr. Georg Kreis in seinem Artikel «Gibt es die Schweiz? Eine pseudowichtige Frage?» fest und kommentiert ironisch «Ob es die Schweiz gibt, ist scheinbar ungewiss – gewiss ist dagegen, dass es Schweizer gibt, die sich gerne fragen, ob es die Schweiz gibt.»

Es wird sich zeigen, ob die Veranstaltungsreihe der SAGW neue Antworten auf die alte Frage liefert.

Weitere Informationen:
Veranstaltungsreihe: www.lasuissenexistepas.ch
Alle genannten Artikel stammen aus dem Bulletin 2/2015 « La suisse existe – la suisse n’existe pas»

Freitag, 22. Mai 2015

Ehe- und Partnerschaftsrecht als Teil der Generationenpolitik

Beitrag von Dr. iur. Michelle Cottier, im Vorfeld der Tagung «Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität»

In der aktuellen Debatte um die Zukunft des Schweizer Familienrechts ist das Ehe- und Partnerschaftsrecht besonders umstritten. Dieser Rechtsbereich soll denn auch anlässlich der Tagung des Netzwerks Generationenbeziehungen der SAGW vom 23. Juni 2015 im Zentrum stehen. Doch welcher Bezug besteht zu den Generationenbeziehungen, zur Generationenpolitik?

Die Perspektive auf die Generationen lenkt den Blick auf die vielfältigen Aufgaben, die Paare in der Sorge für andere Menschen im Generationengeflecht wahrnehmen. Gleich- und verschiedengeschlechtliche Paare ziehen gemeinsam Kinder gross, sorgen bei Krankheit und im Alter füreinander oder für Angehörige der vorangehenden Generationen. Oftmals einigen sich Paare allerdings auf eine ungleiche Aufteilung dieser unbezahlten Sorgearbeit, in verschiedengeschlechtlichen Partnerschaften heute immer noch meist zulasten der Frauen. Das Eherecht und das Recht der eingetragenen Partnerschaft schaffen hier einen gewissen Ausgleich, insbesondere indem bei der Auflösung der Rechtsbeziehung angesparte Vermögen und Guthaben der Altersvorsorge aufgeteilt werden, und indem nachehelicher oder -partnerschaftlicher Unterhalt festgelegt wird. Praktiziert ein weder in Ehe oder eingetragener Partnerschaft lebendes Paar eine solche Rollenteilung, so verfügt die kinderbetreuende Partei heute über keinerlei entsprechende zivilrechtliche Ausgleichsansprüche.

Nun liegt der Bericht des Bundesrats vor, der einige Vorschläge für diese Problematik macht. Der Schweizer Regierung ist zuzustimmen, wenn sie davon ausgeht, dass das Familienrecht allein die Folgen der ungleichen Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit nicht abfedern kann (Bericht S. 15). Es sind umfassende Massnahmen der Familien- und Gleichstellungspolitik notwendig. Solange diese aber nicht realisiert sind, bleibt es eine zentrale Aufgabe des Familienrechts, wenigstens innerhalb einer Partnerschaft einen Ausgleich zu schaffen. Zu wenig weit geht deshalb der Vorschlag des Bundesrats, für die Auflösung einer faktischen Lebensgemeinschaft eine blosse zivilrechtliche Härtefallregelung vorzusehen (Bericht S. 33). So verlangt das Prinzip der Generationengerechtigkeit, dass nicht nur «Nothilfe» zur Verfügung gestellt wird, sondern dass das Zivilrecht eine faire finanzielle Kompensation vorsieht für immaterielle Leistungen, die innerhalb der Generationenbeziehungen erbracht werden.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Nachhaltige Ressourcenverwendung und Suffizienz - ein Thema für die Geistes- und Sozialwissenschaften

Beitrag von Beatrice Kübli, SAGW

Was ist Suffizienz? Dies war eine zentrale Frage im Workshop «Suffizienz in der Schweiz – Impulse durch Sozial- und Geisteswissenschaften» am eco.naturkongress in Basel. Dem Begriff «Suffizienz» haftet die Forderung nach Verzicht an, was in unserer Gesellschaft keineswegs beliebt und politisch sogar ein Unding ist. Weshalb eigentlich? Welche gesellschaftlichen Mechanismen bewirken, dass Konsum als befriedigend und Bescheidenheit als selbstdisziplinierend erlebt werden?

Suffizienz setzt Verhaltensänderungen voraus. Die Herausforderungen rund um die Ressourcenverwendung und Nachhaltigkeit lassen sich also nicht nur technisch oder ökonomisch lösen. Es braucht den Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften, beispielsweise um zu klären, wie Verhaltensänderungen erreicht werden können und welche sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen dazu nötig sind.
Zur Frage wie der Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften sonst noch aussehen könnte, wurden im Workshop verschiedene Vorstellungen präsentiert:

  • Es ist Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaften, Dinge zu thematisieren, die selbstverständlich scheinen. (z.B. Weshalb ist Verzicht ein Tabu? Weshalb gilt Wachstum als erstrebenswert?)
  • Den homo oeconomicus gibt es nicht. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen erforschen, wie Bewusstsein und Einstellungen entstehen. (z.B. Wie entstehen die verschiedenen Lebensstile? Was motiviert zu umweltgerechtem Handeln? Wie beeinflusst das Umfeld die eigenen Handlungen?)
  • Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen Initiativen erfassen und analysieren, die in der Gesellschaft mit dem Ziel entstehen, Nachhaltigkeit zu erreichen (z.B. Share Economy)
  • Die Sozial- und Geisteswissenschaften sollen dazu beitragen, die soziale Akzeptanz für neue Modelle und Technologien zu fördern. 

Ist Suffizienz im heutigen System überhaupt möglich? Solange Kapitalakkumulation und Nutzenorientierung vorherrschen, ist es schwierig, umwelt- und sozialverträglich zu leben. Es braucht einen Paradigmenwechsel, neue Visionen und Alternativen zum Bestehenden. Ein erster Schritt dazu sind beispielsweise flexible Arbeitszeiten und verschiedene Arbeitszeitmodelle, so dass jeder für sich entscheiden kann, ob ihm mehr Geld oder mehr Freiheit wichtiger sind. Auch die Wissenschaft sollte sich von der Nutzenorientierung lösen können und wieder Zeit haben, vermehrt über Grundsätzliches nachzudenken, denn Innovationen sind nicht berechenbar.

Der Versuch suffizienter zu werden, ist ein gesellschaftlicher Prozess, nicht ein technischer oder institutioneller. Das sollte von der Politik so wahrgenommen werden.

Montag, 20. April 2015

Überstrukturierung im Bologna-Prozess wird rückgängig gemacht

Beitrag von Dr. Marlene Iseli, SAGW

Harmonisierungsreformen sind immer umstritten, insbesondere in der föderalistisch geprägten Schweiz. Mit der Implementierung der Bologna-Reform wurden Studienpläne zweigestuft (Bachelor und Master), wobei der Masterstudiengang den Status des universitären Regelabschlusses behielt.

Die vertikale Mobilität zwischen den Stufen Bachelor und Master wurde nebst der angestrebten (geographischen) horizontalen Mobilität zur neuen Herausforderung, der man sich – meist eher widerwillig – stellen musste. Bei dem 2012 veröffentlichten Positionspapier der SAGW, das unter anderem für einen auch in der Praxis eigenständigen Bachelor-Abschluss plädiert, wurden viele kritische Stimmen laut, die in der Verkürzung der disziplinenspezifischen universitären Bildung eine Bedrohung für die akademische Qualität sahen. Auch der Vorschlag, sich innerhalb geisteswissenschaftlicher Fachbereiche der Common Grounds zu besinnen und fächerübergreifende Einführungsveranstaltungen zu konzipieren, stiess auf wenig Sympathie.

Die Bologna-Reform hat vielerorts unerwünschte Nebeneffekte ausgelöst. Kritische Stimmen sprechen vom Bulimie-Lernen, der Verschulung des Studiums, von von ECTS-Punkten getriebenen Studierenden, von allerlei Problemen an den Schnittstellen und Scharnieren im Mobilitätsstreben, die mitnichten von der Hand zu weisen sind. Mit Blick auf das Curriculum wurde meist hinter vorgehaltener Hand offenbart, dass bestehende Studieninhalte bloss in die neuen Gefässe abgefüllt wurden, dass das Lizentiat lediglich in ein leicht verlängertes Grundstudium (Bachelor) und ein zweijähriges Masterstudium aufgeteilt worden sei. Die Kritik, dass mit der Bologna-Reform mit dem supranationalen Label durch die Hintertüre national nicht durchsetzbare Reformziele geltend gemacht wurden, habe diesen passiven Widerstand befeuert (obwohl in vielerlei Hinsicht keineswegs von einer Passivität der Universitäten gesprochen werden kann – aber das ist eine andere Geschichte).

Nun bringt die Universität Zürich erneut Bewegung ins curriculare System. Wie der Tagesanzeiger (26.3.) und die NZZ (28.3.) Ende März berichteten, steht die Schaffung eines Bachelors in Sprachwissenschaften auf der Agenda. Mit dem Ziel, der Überstrukturierung der Bologna-Implementation entgegenzuwirken, sollen Studienstrukturen vereinfacht werden, um Studierende mehr im Sinne der universitären raison d’être als Lehr- und Lernort für 'echte Bildung' zu fördern, wie es Gottfried Schatz unlängst in seinem Beitrag geschildert hat (NZZ vom 17.4. «Echte Bildung anstatt nur Wissensvermittlung»). Die Strategie «Bologna 2020» der Universität Zürich soll mit mehr Freiraum dazu beitragen, dass sich Studierende zu kritisch denkenden Akademikern entwickeln können.

Man darf gespannt sein, ob weitere Universitäten den von der Universität Zürich beschrittenen Weg einschlagen (und damit die 2012 von der SAGW vertretene Position aufnehmen). Ulrich Teichler hatte 2011 anlässlich des Kongresses «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?» davor gewarnt, den Bachelor einfach als Bonsai-Version im Sinne eines Vorlaufs zum Masterstudium zu betrachten. Die Frage ist nun, ob der Bonsai zukünftig im Hochschulraum allgemein etwas zurechtgestutzt wird oder ob schattenspendende Baumarten gepflanzt werden, die unter dem Laub der altehrwürdigen Eichen nicht quasi verschwinden, sondern das Schweizer Hochschulsystem gerade nach den klimatischen Bedrohungen vom 9. Februar zusätzlich florieren lassen.

Donnerstag, 26. März 2015

Zu viele Studierende in den Geistes- und Sozialwissenschaften?

Beitrag von Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW

Mit der Forderung eines Numerus clausus für Studiengänge wurde die Debatte über den Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften erneut entfacht. «Viel zu viele Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker und Kulturwissenschaftler würden ausgebildet», findet Adrian Amstutz von der SVP. Er will die Zahl der Studierenden in diesen Fächern halbieren um somit Kosten senken. Auch sei es den Studierenden gegenüber unfair, wenn sie nach Abschluss auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht werden. Postwendend haben führende Stimmen diesen Vorstoss gegen liberale und bewährte Prinzipien scharf kritisiert.

Planwirtschaftlich von Politikern und Experten definierte Eingriffe verstossen nicht nur gegen die freie Studienwahl, sondern führen auch zu Ungleichgewichtung im Arbeitsmarkt (siehe Numerus clausus für die Medizin).

Ebenso peinlich wie bedenklich ist der Vorstoss, weil dieser der in den Fakten in keiner Weise gestützt ist. Wie Studien zur Beschäftigungslage von Absolventen zeigen, liegt die Arbeitslosenrate ein Jahr nach Abschluss bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern je nach Wirtschaftslage bei ca. 8.5 Prozent. Bei den Naturwissenschafter sind es 4,7 Prozent und diese Prozentzahl ist auch fünf Jahre später noch aktuell. Nicht so bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, da sind es nur  noch 2,8 Prozent. Die meisten Führungskräfte rekrutieren sich aus geistes- und sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen. Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker und Kulturwissenschaftler sind durch ihre Ausbildung flexibel und breit einsetzbar. Die sogenannte höhere Sucharbeitslosigkeit im ersten Jahr nach dem Abschluss ist objektiv betrachtet sinnvoll. Diese sorgt dafür, dass Abgänger sorgfältig die für sie geeignete Stelle finden und damit wie aufgezeigt über eine langfristige gute Perspektive verfügen.

Obwohl der Vorstoss unter keinem Titel begründet ist wird deutlich, dass alle Geistes- und Sozialwissenschaften ihre ökonomische Relevanz wie den durch sie erzeugtem wirtschaftlichen Mehrwert ausweisen müssen. Hier besteht eine Bringschuld, welche die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften im Rahmen Ihres Projekts «Für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» (www.sagw.ch/geisteswissenschaften) nachkommen will. Für den Moment verweisen wir auf die nachstehenden vier Bereiche:

  • Die Schweiz ist weltweit erfolgreich, was nicht zuletzt breiten Fremdsprachenkenntnissen und damit einem hohen Wissen über fremde Kulturen geschuldet ist.
  • Der Markterfolg eines Produkts hängt in hohem Masse vom Marketing ab, dessen Grundlagen ebenfalls die Geisteswissenschaften bereit stellen.
  • In einer fortgeschrittenen Volkswirtschaft sind ein substantieller Teil der Beschäftigten in unterschiedlichen Formen mit Menschen befasst. Auch hier sind primär geisteswissenschaftliche Kompetenzen notwendig und gefragt.
  • Die sich gegenwärtig stellenden ökonomischen Herausforderungen wie Fachkräftemangel, längere Lebenserwartung, Integration von Frauen und älteren Arbeitnehmenden in den Erwerbsprozess erfordert primär gesellschaftliche Reformen.

Dienstag, 24. März 2015

«Die Lücken im heutigen Recht sind offensichtlich.» - Revisionsbedarf im Familienrecht

(Interview mit SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr)

Vor zwei Jahren reichte die SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr das Postulat für ein «Zeitgemäss kohärentes Zivil- und insbesondere Familienrecht» ein. Der Bundesrat wird beauftragt, in einem Bericht darzulegen, wie unsere rechtlichen – in erster Linie zivil- und insbesondere familienrechtlichen – Grundlagen den heutigen und künftigen gesellschaftlichen Bedingungen angepasst werden können. In diesem Zusammenhang holte der Bundesrat drei Gutachten ein, die heute vorliegen und zum Teil kontrovers diskutiert werden. Die SAGW erkundigte sich bei Frau Fehr nach den Hintergründen.

Was waren die Gründe für Ihr Postulat vor zwei Jahren?
Die Gesellschaft verändert sich laufend. Politik muss darauf als lernende Organisation reagieren und die Rahmenbedingungen anpassen. Im Familienrecht zeigen sich die gesellschaftlichen Entwicklungen besonders klar. Der mit dem Postulat angeforderte Bericht soll die Grundlage bieten, um das Familienrecht an die jetzigen und für die künftigen Lebensformen anzupassen. Er soll die Lücken aufzeigen und Vorschläge machen, wie diese geschlossen werden können. Wichtig ist dabei, dass die Arbeiten nicht im stillen Kämmerlein gemacht werden, sondern dass es zu einer breiten Debatte kommt.

Ihr Postulat wurde ihm Nationalrat bekämpft. Welches waren die Gegenargumente?
Es gab keine Debatte im Rat. Das Postulat wurde stillschweigend überwiesen.
Die hauptsächliche Gegenargument kann man in der Haltung zusammenfassen: «Es soll alles so bleiben, wie es nie war.» Das heisst: Solange man das Familienrecht nicht antastet, kann die Fiktion aufrecht erhalten werden, dass die Ehe als lebenslanger Bund zwischen Frau und Mann geschlossen wird, und dass dies die einzige legale Zusammenlebensform ist, die eine Familie begründen kann. Man warnte also vor der Abschaffung der Ehe. Dazu kamen auch strikt religiös begründete Gegenargumente. Es sei wider Gottes Wille, andere Partnerschaften, darunter auch gleichgeschlechtliche, gleichwertig zur Ehe zu behandeln. Und dann gab es noch die pragmatischen Argumente: Man finde bei einer solchen Reform eh keine Mehrheit, also könne man es gleich lassen und sich den Aufwand sparen.

Wo sahen und sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf? 
Handlungsbedarf gibt es bei den Rechten und Pflichten gegenüber Kindern durch die verschiedenen Partnerschaftsformen. Wie begründen sich Unterhaltsverpflichtungen ausserhalb der Ehe? Wie können die Rechte der Kinder sicher gestellt werden, wenn biologische und soziale Elternschaft in komplexe Patchworksysteme aufgeteilt sind? Dann stellen sich Fragen zu den Rechten für Konkubinatspaare, insbesondere im Alter. Dazu gehören Verfügungsrechte oder die Frage, wer wann Zugang zu Notfallstationen hat. Es gibt Fragen zum Erbrecht in Patchworkfamilien. Gibt es weiterhin Pflichtanteile? An wen? Und es stellen sich viele Fragen bei binationalen Paaren oder Paaren, die eine Zeit in anderen Ländern und unter anderen Rechtssystemen gelebt haben. Zum letzten Punkt vielleicht ein konkretes Beispiel: Ein homosexuelles Paar hat unter kalifornischem Recht ein Kind adoptiert und zieht in die Schweiz, wo diese Form der Adoption nicht legal ist. Welche Rechtsposition haben hier die verschiedenen Personen?

Wie schätzen Sie die Entwicklungen in den letzten zwei Jahren ein?
Wir sind bereits auf dem Weg. Wir haben das Namensrecht revidiert und im Partnerschaftsrecht gleichgeschlechtliche Paare anerkannt. Ebenso sind wir beim Scheidungsrecht und Unterhaltsrecht auf der Suche Lösungen, die Väter besser in die Verantwortung für die Kinder einbinden.

Sie waren beteiligt an der Tagung «Zukunft Familie! Die Tagung für ein modernes Familienrecht in der Schweiz» vom 24. Juni 2014 in Freiburg. Welches waren für Sie die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse?
Die Tagung war aus meiner Sicht ein Erfolg. Erstens weil die Referate und Debatten sorgfältig und gehaltvoll geführt wurden und zweitens, weil genau das ermöglicht wurde, was ich mir immer wünschte: Statt in Amtsstuben einen Bericht zu erstellen, wurde eine Tagung organisiert. Diese bot als Plattform für praktisch alle gesellschaftlichen Milieus die Gelegenheit, sich fachlich und fundiert auszutauschen. Ich bin überzeugt, dass damit ein wichtiger Grundstein für einen erfolgreichen Prozess gelegt wurde.
In Bezug auf den Inhalt wurde klar, dass es eine solche Reform braucht. Die Lücken im heutigen Recht sind offensichtlich. Wie gross die Schritte sein werden, muss sich weisen. Ich hoffe einfach, dass die Politikerinnen und Politiker aus ihren ideologischen Schützengräben steigen und sich in der realen Welt umschauen. Auch der konservativste Politiker kennt jemanden, der geschieden ist oder in einer homosexuellen Beziehung lebt. Wenn sie bei den anstehenden Beratungen diese Menschen vor Augen haben und nicht irgendeine Parteidoktrin, haben wir eine Chance.

Was wünschen Sie sich für das zukünftige Zivil- und Familienrecht?
Ich wünsche mir einen Rechtsrahmen, der viel stärker auf die wirklichen Beziehungen zwischen Menschen und nicht auf die ‚Form’ achtet. Für Kinder beispielsweise ist es weitgehend irrelevant, ob Eltern verheiratet sind, ob sie in einem Einelternhaushalt aufwachsen oder ob ihre ‚Eltern’ zwei Frauen oder zwei Männer sind. Viel wichtiger ist, ob diese erwachsenen Personen Liebe, Sicherheit, Verbindlichkeit und Geborgenheit bieten.

Interview: Beatrice Kübli, SAGW

Hinweis
Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität – Interdisziplinäre Tagung zur Zukunft des Schweizer Familienrechts
Dienstag, 23. Juni 2015, Bern

Freitag, 7. November 2014

Der nine-to-five-Job hat ausgedient

Beitrag von Danny Schweingruber, Mitglied der Geschäftsleitung WTOC, Witzig The Office Company AG

Im Vorfeld der Tagung «Arbeit im Lebensverlauf» am 13. November 2014


Das Thema der Flexibilisierung von Arbeit und Arbeitszeiten entspringt einer Art natürlichem Grundbedürfnis von Menschen nach Selbstbestimmung und ist so etwas wie die Königsdisziplin moderner Organisationsformen. Flexible Arbeitszeitmodelle berücksichtigen unterschiedliche persönliche und familiäre Bedürfnisse der Mitarbeitenden und darüber hinaus sogar betrieblich wechselnde Anforderungen. 

Der klassische nine-to-five-Job mit seinen starren acht Stunden Anwesenheit ist in modernen Unternehmen auf dem Rückzug, da sowohl Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer von flexibel gestaltbaren Arbeits- und Jobmodellen profitieren. Um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, fragen Kandidaten vermehrt bereits bei der Bewerbung nach solch flexiblen Lösungen. Die Möglichkeit für Beschäftigte, die eigene Arbeitszeit individuell zu gestalten, wird dadurch immer mehr auch zu einem zeitgemässen Instrument zur Rekrutierung, Motivation und Bindung guten Personals. Denkbar sind unterschiedliche Varianten flexibler Arbeitszeitmodelle wie beispielsweise Teilzeit, Vertrauensarbeit, Gleitzeit, Jahresarbeitszeit oder flexibles Arbeiten (unabhängig von Ort und Zeit). Grundsätzlich werden fast alle Mitarbeitenden eine Erhöhung der eigenen Zeitsouveränität zu schätzen wissen. Besonders vorteilhaft sind Angebote solch „schöner, neuer Arbeitswelten“ wie zum Beispiel bei Witzig insbesondere für Mitarbeitende, die nicht am Unternehmensstandort wohnen, da sich durch das „Brechen von Verkehrsspitzen“, Stress und Zeitaufwand für den Arbeitsweg umgehen lassen. Auch die Umwelt wird durch eingesparte Kilometer geschont, wenn Aufgaben, die keine Anwesenheit im Unternehmen erfordern, zu Hause gelöst werden können. Für familiär eingebundene Menschen ermöglichen flexible oder Teilzeitlösungen eine optimalere Vereinbarkeit von Familie und Karriere.  Weitere Vorteile bieten vor allem Teilzeitregelungen für Mitarbeiterpotenziale, die nicht oder auch nicht mehr, die Möglichkeit haben, Vollzeit zu arbeiten. Dies trifft vor allem für ältere Mitarbeitende oder auch Fachkräfte zu, die eine Weiterbildung anstreben. Für diese Gruppe sind die physische und psychische Belastung pro Teilzeitmitarbeitenden kleiner als bei einem 100% Engagement. 


Auch aus Arbeitgebersicht gilt es, die Ressource Arbeit möglichst gut zu nutzen, das heisst personeller Leerlauf ist zu vermeiden. In einem System mit starren Arbeitszeiten kann man schwankenden Kapazitätsanforderungen nur schwer folgen. Bei schwacher Auftragslage ist es möglicherweise nötig, die Mitarbeiter mit weniger wertschöpfenden Arbeiten zu beschäftigen. Im Extremfall muss allein deren Anwesenheit bezahlt werden. Bei hoher Auslastung dagegen müssen Mehrarbeitsstunden entgolten werden. Beides ist aus Sicht des Arbeitgebers ineffizient und unwirtschaftlich. Eine freiere Gestaltung der Betriebs- und Arbeitszeiten bedeutet daher auch aus Unternehmenssicht eine bessere Kapazitätsplanung. Bei allen Vorteilen gilt es jedoch auch mögliche Risiken zu bedenken. Besonders was die Themen Vertrauenskultur, Mitarbeiterführung und eine gerechte Leistungsbewertung betrifft, ergeben sich aus der flexiblen Arbeitszeitgestaltung große Herausforderungen für Führungskräfte, da die Mitarbeitenden sowohl für Vorgesetzte als auch für Kunden nicht zu allen erwartbaren Zeiten  zur Verfügung stehen. Konkret gestaltet sich etwa die Terminplanung für Meetings, Schulungen etc. nicht nur zeitlich um einiges aufwändiger, sondern insgesamt kostenintensiver, gerade dann wenn es unterschiedliche, flexible Modelle unter einen Hut zu bringen gilt. Neben dem Risiko des Ausnutzens der Freiheiten bezüglich Zeitsouveränität, droht gegenteilig auch bei besonders engagierten Kräften, die Nichteinhaltung von Erholungs- und Ruhezeiten. Ganz grundsätzlich ist eine Betriebskultur des Vertrauens und der Kooperation, sowie ein funktionierendes Selbstmanagement der Fachkräfte, die essentielle Basis aller Flexibilitäten, so auch der zeitlichen.