Freitag, 19. Juni 2015

„Dörflischweiz“ oder „Burgenschweiz“? Nationale Mythen um 1900 neu gesehen

Von Elisabeth Crettaz-Stürzel, Dr. phil., Kunsthistorikerin, Zinal und Fribourg im Juni 2015

Dörflischweiz oder Burgenschweiz? Ich habe sie beide gern. Die herzigen kleinen Dörfer, mit ihren Geranien und Shops. Und die grossen aufragenden Burgen, mit ebenfalls Geranien und Shops. Am liebsten an einem See gelegen oder vor schneebedeckten Bergen in der Ferne. Man hört Kuhglocken und Alphornklänge und sieht Trachtenfrauen und Sennen im costume du pays. Dazu ertönt das sehnsuchtsvoll intonierte le ranz des vaches („loyba“ im Patois), die aus dem 18. Jahrhundert stammende Nostalgie Hymne des Greyerzerlandes, die Schweizer Reisläufer anstimmten und aus lauter Sehnsucht nach der Heimat aus fremden Militärdiensten desertierten. Das Soldatenlied wurde in Frankreich verboten. „Heimweh“ wurde übrigens als eine Schweizer Krankheit angesehen. Heute ist das Lied der Freiburger Sennen am 1. August in der Romandie eine zweite Nationalhymne. Es sind jetzt – und waren es vorgestern vielleicht auch schon – oft pseudomuseale Welten mitten in einer idyllischen Landschaft, sozusagen Freilichtmuseen in situ. Die Dörfli- und Burgenschweiz wird heute von der Tourismusindustrie entdeckt und dient als wertsteigernde Freizeitkulisse für Fremde und Einheimische. Weidende Kühe, Ziegen und Schafe dienen der Belebung und erfreuen Kinderherzen. Die Grand Tour of Switzerland, 2015 herausgegeben von einem österreichischen Urlaubsmagazin in Zusammenarbeit mit „Schweiz Tourismus“, wirbt im ersten Satz mit dem Bonmot „Die Schweiz existiert nicht“ und beweist auf den nächsten 85 Seiten genau das Gegenteil: La Suisse existe bel et bien – und zwar für alle, die dafür zu zahlen bereit sind.

Die Markenzeichen der Schweiz
Einige Highlights der aktuellen Grand Tour of Switzerland waren auch schon um 1900 „in“: Das reizvolle Berner „Chaletdorf Gstaad“, das typische Walliser Bergdorf Grimentz im Val d’Anniviers (Eifischtal) mit seinen von der Sonne geschwärzten altertümlichen Strickbauten, das Waadtländer „Wasserschloss“Chillon bei Montreux am Genfersee, die „Ritterromantik“ im aargauischen SchlossHallwyl – von dem es im Landesmuseum ein erstaunliches Sommermodell mit grünen Bäumen und ein noch erstaunlicheres Wintermodell mit Schnee auf den Dächern gibt – oder das „Märchenschloss Landesmuseum“ auf den Zürcher Platzspitz. An dessen Fassade gegen die Gleise des Hauptbahnhofs, ganz oben in der Reihe der Reliefporträts, schaut der erste Museumsdirektor Heinrich Angst mit seiner stark umrandeten Brille einen beim Warten auf dem letzten Perron ernst an. Er hält einen Kachelofen unterm Arm, der wohl in einem der typischen spätgotischen Schweizer Schnitzstuben stand, für das das Nationalmuseum für Eidgenossen bei seiner Eröffnung 1898 berühmt war. Heute heissen sie Periodrooms und sind immer noch eine Attraktion des Schweizer Nationalmuseums in Zürich, dem allerdings die Märchen zugunsten eines derzeitigen Modernitätsrausches etwas abhandengekommen sind. Die oben genannten Orte sind den Röstigraben überwindenden Markenzeichen der gesamten Schweiz, zumindest für Touristen. Aber gehörten sie früher und gehören sie heute noch zur nationalen Identität für die Schweizer selbst?

Identitätsstiftende Alpen- und Dörfliwelt
Pour le Village“ übertitelt Georges de Montenach, stolz daherkommend als „Député au Conseil des Etats suisse“ in Bern, 1916 seinen berühmten Aufruf zum Erhalt des Schweizer Dorfes und Bauerntums. Auf nicht weniger als 560 Seiten tut er das. Und gekonnt. Er zelebriert die „Grösse der vielfältigen Kleinheit“, la Grandeur de la Petitesse (Bernard Crettaz) als typisch Schweizerisch – dies, als Romand vielleicht mit Blick auf die sprachverwandte Grand Nation Frankreich nebenan, die gerade gegen Deutschland im Krieg steht. Das Dörfli oder Village Suisse, immer in den Alpen gedacht, kondensiert seit dem 18. Jahrhundert die alte helvetische Berg-, Bauern und Hirtenidylle, die vom vorrevolutionären und aristokratischen Europa aus gesehen das vermeintliche unabhängige Leben der Alpenbewohner – ohne Aristokratie und Tyrannen – mit Demokratie und Freiheit gleichsetzt und die „freien Schweizer“ in der erhabenen Natur der Berge bewundert. Demokratie pur. Die Gleichung heisst Dorf+Berge=Freiheit. Die AufklärerInnen aus ganz Europa und der Schweiz, darunter Jean-Jaques Rousseau (verbreitet den Begriff vom romantischen „chalet“), Albrecht von Haller (Bestseller Gedicht„Die Alpen“), Literaten wie Johann Wolfgang von Goethe (Schweizer Reisen) und Friedrich Schiller (Schauspiel „Wilhelm Tell“) oder Salonnières wie die Holländerin Isabelle de Charrière in Cortaillod NE und Julie de Bondeli in Bern machen daraus den helvetischen Freiheitsmythos, der im vorrevolutionären Europa den „Befreier“ Wilhelm Tell zelebriert. In der Malerei machen dies beispielsweise die Maler und Malerinnen der Ecole de Savièze im Wallis (u.a. Marguerite Burnat-Provins) oder Albert Anker aus Ins im Berner Seeland. Auch in Liedern („Mon village là bas en val d‘Anniviers“ von Jaques-Dalcroze) wird diese freiheitliche Alpen- und Dörfliwelt verklärt und wirkt beim gemeinsamen Singen kantonal wie national identitätsstiftend. Und die bäuerliche Dörfliwelt in den Bergen ist gesund. In dem Kultroman von Thomas Mann „Der Zauberberg“ (La montagne magique) kommt Heilung und Gesundheit vom Berg. Rütli, Tell und Heidi sind ein Trio. Die Schweiz existiert, und wie. Zumindest als wunderschöne Bastelei (le bricolage du joli, Bernard Crettaz).

La Village Suisse – ein Publikumsmagnet
Doch vor allem auf der Schweizer Landesausstellung 1896 in Genf wird das inmitten der
Rhonestadt auf 23‘000 m2 künstlich installierte Village Suisse ein Publikumsmagnet – und zu einem Mythos verklärt. Obwohl es ganz banal mit einer echten Kuhherde anfing, die auf der nationalen Expo 96 als Teil der Landwirtschaftssektion gezeigt werden sollte. La vache – un symbol national. Und für die Kühe baute man dann Ställe, stellte Sennen ein und führte Wasser her. Daraus entstand dann ein fast echtes Ausstellungsdorf um eine Kirche: Mit hunderten von Bewohnern in Trachten und einer 22 Mann umfassenden Polizeitruppe. Man betrat es auf einer Kopie der Luzerner Kappelenbrücke, konnte 56 Bauten aus Pappmaché bestaunen, deren Fassaden aus allen Teilen der Schweiz kopiert worden waren, sowie 18 angekaufte und dorthin versetzte originale Chalets, die meisten davon aus dem Val d’Anniviers im Wallis. Das Bergdorf Grimentz – auch heute beliebter Touristenort mit Ski im Winter und einem Geranienwettbewerb im Sommer – wurde schon von den Genfer Ausstellungsorganisatoren als das typische Schweizerdorf erkannt und beliebt gemacht. Kein Village Suisse ohne Wasserfall, und so wurde mitten in der Stadt Genf ein Berg mit einer künstlichen cascade gebaut (6 Million Liter pro Tag flossen da unter!), und im Innern konnte man dann ein Riesenrundbild aus dem Berner Oberland bewundern (leider in Amerika um 1920 verbrannt). Das Genfer Erfolgsmodell Village Suisse von 1896 wurde dann 1900 auf der Weltausstellung in Paris vor einem internationalen Publikum wiederholt. Später wurde es noch auf den Landesausstellungen in Bern 1914 und Zürich 1939 („Landi“) in anderer Form wiederholt, aber jetzt nicht mehr als helvetischer Mythos, sondern als Schweizer Baumodell im reformbewegten Heimatstil (1914) beziehungsweise als nationales Identifikationsobjekt im Sinne der geistigen Landesverteidigung gegenüber fremden Mächten (1939), da jeweils ein grosser Krieg bevorstand. Nationale Mythen einen nach Innen über den Röschtigraben hinweg.

Die Schweiz – kein Burgenland...
Gleichzeitig mit dem Idealbild Dorf rücken seit dem 19. Jahrhundert wieder vermehrt die Burgen als geschichtliche Zeugnisse in den öffentlichen Blickpunkt. Aber im Gegensatz zu den der Schweiz benachbarten grossen Nationen wie Frankreich, das Deutsche Reich und die Habsburger Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, und vor allem England, die mit ihrer Burgenrenaissance zwischen 1800 und 1900 einen neofeudalen Traum kultivieren und ihre nationale Identität immer auch noch dort suchen, tut das die Schweiz nicht, wenn auch der Freiburger Aristokrat Gonzague de Reynold in seinem Buch „Cités et Pays suisse“ 1937 schreibt: „La Suisse est au centre de l’Europe comme und forteresse à la Vauban qui dresse au milieu d’une vaste plaine des glacis gazonnées et des murailles grises.“ (S. 15). Das hübsche Bild der Festung für die Schweiz – und nicht der Burg, im Französischen château – benutzt er aber, um die berühmte Alpenfestung (das später umstrittene „Reduit“) als militärisches Aufmarschgebiet zu umschreiben.

... mit einigen Ausnahmen
Doch zurück zur vorletzten Jahrtausendwende. Nicht dass es in Helvetien um 1900 keine Burgenwiederaufbauten und Ruinenwiederherstellung gegeben hätte, es gab sie und sie ähnelten dem, was man und frau auch in den anderen Ländern bewundern konnte, aber es waren zahlenmässig weniger und sie dienten nicht der nationalen Repräsentation, sondern blieben individuelle Einzelschöpfungen von wohlhabenden bürgerlichen und einigen wenigen (neu)adeligen Bauherren, die sich selbst verwirklichen wollten. Die adeligen Burgenbauer in der Schweiz kamen, wen wundert’s, vor allem aus dem ehemals preussischen Neuenburg (die Principauté de Neuchâtel et Valangin war von 1707-1857 eine Monarchie und persönliches Eigentum von sechs Preussenkönigen gewesen und seine geadelten Patrizier blickten gerne nach Berlin). Das betrifft die Burgenrenaissance am Neuenburgersee mit dem Château Gorgier (1897) und diejenige am Thunersee mit den Schlössern Schadau (1846), Oberhofen (1850) und Hünegg (1861). Es waren, im Gegensatz zum „Dörfli“, keine nationalen Weiheobjekte. Eine Ausnahme bildet vielleicht das altsavoyische Château Chillon am Genfersee, das mit seiner denkmalpflegerisch modernen „sanften“ Wiederherstellung, die 1908 abgeschlossen war, einen neuen (antibernischen?) waadtländisch-republikanischen Kantonsstolz manifestierte. Dann gab es in Helvetien die bürgerliche Industriellen, einheimische und ausländische, darunter mehrere Frauen, die sich ein Schloss leisteten: sei es der Direktor der Société des Eaux de Neuchâtel beim Château Jeanjaquet in Cressier NE (1872), der US Industrielle Augustus Jessup auf Schloss Lenzburg AG (1893), die Industriellenerbin Adelheit Page-Schwerzmann von der Condensed Milk company bei Schloss Sankt Andreas in Cham ZG (1903) oder die Tochter eines schwedischen Unternehmers, Wilhelmina Kempe verheiratete von Hallwyl bei Schloss Hallwig AG (1904). Die Liste lässt sich verlängern. Der Erste Weltkrieg macht mit dem ganzen Burgenzauber, was Bauaktivitäten angeht, Schluss.

Ich glaube nun aufgrund meiner Forschungen sagen zu können, dass es sich bei all diese neuen Burgen und Schlösser in der Schweiz um 1900 individuelle Einzelschöpfungen handelt. Sie sind, das nebenbei gesagt, wunderbar gelungen und heute meist museal genutzt. Sie waren über ihre Initianten meist mit der internationalen Burgenrenaissance vernetzt, sind aber nicht typisch schweizerisch! Sie taugen daher auch nicht als nationale Identitätsmythen. Das erklärt sich meines Erachtens aus der Geschichte der Schweiz, die sich in ihrem Selbstbild im 18. und 19. Jahrhundert – mit Ausnahme vielleicht vom preussischen Neuenburg – gerade dem monarchistischen Ausland gegenüber bewusst republikanisch darstellt.

Die beiden Bilder „Dörfli“ und „Burg“ sind Idealbilder. Das haben sie gemeinsam. Ob sie heutzutage etwas „typisch Schweizerisches“ repräsentieren, weiss ich nicht. Vielleicht wissen das die Verantwortlichen der helvetischen Tourismusbranche, die mit beiden werben. Und offenbar erfolgreich. Was sie noch vereint, sind die Geranien im Sommer und die naturschöne Landschaftskulisse mit Bergen, Kühen und See. Sehnsuchtsbilder einer heilen Welt im Kleinen oder Grossen, an die man und frau so gerne glauben würde. Und teilhaben möchte. Jedenfalls im Urlaub. Ich auch.


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Eine Veranstaltung aus der SAGW-Reihe «La suisse existe - la suisse n'existe pas»

25. Juni 2015 – 19.00 Uhr
Schloss Holligen, Bern
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Freitag, 12. Juni 2015

Erben die Richtigen? - Das Erbrecht und die persönlichen Beziehungen

Beitrag von Prof. Dr. Peter Breitschmid, Universität Zürich

Zwar liegt nun der Bericht „Modernisierung des Familienrechts“ zum Postulat Fehr vor, und fasst zusammen was sich der Bundesrat alles unter Familie vorstellen kann. Man darf aber annehmen, dass darüber auch eine Generation später wieder (oder noch immer) diskutiert werden wird. Das wird ohne Zweifel auch für die Vorstellung, wer beim Tod eines Menschen zu dessen persönlichem Umfeld gezählt wird, massgeblich sein. Es ist ja eigentlich erstaunlich, dass nach Art. 378 ZGB Personen zur Vertretung über medizinische Behandlungsfragen berechtigt sind, die nicht erbberechtigt sind – ob es richtig ist, von Gesetzes wegen derart diametrale Unterschiede zwischen persönlichen und ökonomischen Belangen zu machen? Oder ob es einfach den um ein Jahrhundert verschiedenen Entstehungszeitpunkt der Normen abbildet?

Die Art. 457-640 ZGB regeln (nur), was mit dem Vermögen einer verstorbenen Person nach deren Tod geschieht; der integrale Übergang von Aktiven und Passiven (in einer wohlhabenden Volkswirtschaft wie der schweizerischen meist ein Aktivenüberschuss) qua «Universalsukzession» auf einen definierten Kreis von Verantwortlichen ist für das Funktionieren des gesamten rechtsgeschäftlichen Verkehrs zentral, denn würden Forderungen gleichzeitig mit dem Schuldner ‚sterben’, wären manche Gläubiger schon zu Lebzeiten wirtschaftlich tot. Das Problem liegt darin, dass das persönliche Umfeld etwas drängender um’s Krankenbett steht, als dass es sich um die Schuldendeckung und die Räumung von wertlosem Hausrat bemüht. Verwandte mögen sich dabei allenfalls noch ganz traditionell etwas ‚verpflichteter’ fühlen, doch erlischt solche Bereitschaft in bereits jahrzehntelang abgekühlten Beziehungen natürlich rasch; soweit gesetzliche oder gar pflichtteilsgeschützte, aber auch testamentarisch begünstigte Erben allerdings Ansprüche auf Nachlassaktiven haben, ist gewährleistet, dass deren Ansprüchen auch die entsprechenden Verpflichtungen gegenüberstehen. An diesem Mechanismus lässt ist in einer auf Privateigentum gründenden Verfassungs- und Rechtsordnung nicht grundsätzlich etwas zu ändern.

Dass indes Persönliches und Wirtschaftliches verwoben sind, ist gerade in einer materiellen Werten nicht grundsätzlich abgeneigten Gesellschaft unverkennbar. Dass zudem Leben, Gesundheit, Beziehungen, Altern, Sterben und Erben über die rein finanziellen Aspekte hinaus immer auch eng mit immateriellen Befindlichkeiten und persönlichen Beziehungen verknüpft sind (und verknüpft werden), braucht auch nicht erläutert zu werden: Beziehungen unter Mitmenschen bringen auch wirtschaftliche Verflechtungen oder gar Abhängigkeit – in wechselnden Konstellationen – mit sich. Das Recht kann die persönlichen Feinheiten solcher Netzwerke nicht filigran nachzeichnen, sondern stützt sich zwangsläufig auf Vermutungen. Die bislang wichtigste ist jene, die sich aus dem Zivilstandsregister ergibt: Wer im «Beziehungs-Grundbuch» verzeichnet ist, gilt «von Amtes wegen» als nahestehend und damit in Rechte und Pflichten qualifiziert eingebunden; insofern ist wichtig, dass das Zivilstandsregister ein möglichst realistisches Bild von Beziehungen gibt, und insofern hat der traditionellen «Beziehungs-Status» nicht völlig ausgedient. Die Frage, wie den vielfältigen weiteren biografisch relevanten faktischen Beziehungen die verdiente Beachtung entgegengebracht werden könnte, ist zentrales Thema der Überlegungen – aber auch bereits des rechtlichen Alltags (vgl. Art. 20a BVG).

Hinweis
SAGW-Tagung «Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität – Interdisziplinäre Tagung zur Zukunft des Schweizer Familienrechts»
Dienstag, 23. Juni 2015, Universität Bern (UniS)

Montag, 1. Juni 2015

Sechs Bemerkungen zum Fremdsprachenunterricht in der Schweiz

Beitrag von Dr. Daniel Elmiger, Universität Genf

Über den Fremdsprachenunterricht in der Schweiz lässt sich trefflich streiten. Beinahe alle haben eigene Erfahrungen mit dem schulischen Sprachenlernen gemacht und viele haben auch eine Meinung zu Fragen wie: Ab wann sollen welche Sprachen gelernt werden? In welcher Reihenfolge? Mit welchen Methoden?
Auch ich stütze mich bei der Diskussion um den Sprachenunterricht auf die Erfahrungen ab, die ich in diesem Bereich gemacht habe, sei es als sogenanntes «Frühfranzösischkind» in den Achtzigerjahren, als gelegentlicher Deutsch- und Französischlehrer ab den Neunzigerjahren, als Forscher und Dozent im Bereich Sprachenunterricht seit Beginn des neuen Jahrhunderts – aber auch als Onkel von Jugendlichen, die mit Französisch nicht besonders viel anfangen können.
In den folgenden sechs Punkten sollen einige Thesen kurz zusammengefasst werden, in denen es um Herausforderungen beim Sprachenunterricht geht. Jede einzelne sollte eigentlich eingehend und detailliert besprochen werden; dass dies im Rahmen eines Blogeintrags nicht möglich ist, liegt auf der Hand.
Über die Qualität des Fremdsprachenunterrichts allgemein und die Zufriedenheit der Lehrerinnen, Schüler und Eltern damit schreibe ich nichts, obwohl es hier gewiss viel Erfreuliches und Interessantes zu berichten gäbe.

1. Schlechtes Bild der Landessprachen
Ich bin immer wieder überrascht zu sehen, wie schlecht in der Schweiz die jeweils anderen Sprachregionen bekannt sind und wie über die anderen Landesteile gesprochen wird: Oft kommt es mir vor, wie wenn es um sehr weit entfernte Länder ginge, zu denen man keinen wirklichen Bezug hat und die von der eigenen Lebenswirklichkeit sehr weit entfernt sind. Natürlich denke ich dabei vor allem an jüngere und tendenziell einsprachige Menschen, doch auch bei anderen kann man leicht den Eindruck bekommen, als ob die Schweizer Mehrsprachigkeit in erster Linie etwas Lästiges – und im besten Fall etwas Exotisches – hat, das einen kaum betrifft. Warum sollte man dafür jahrelang in der Schule Fremdsprachen lernen? Das scheint vielen Lernenden völlig unklar zu sein, denn vermeintlich kommt man mit der eigenen Sprache (sowie Englisch) ebenso gut – wenn nicht besser – durchs Leben als mit einer zusätzlichen Landessprache.
Erst als Erwachsene merken viele, dass zusätzliche Sprachen (besonders auch die Landessprachen) ihre Vorteile haben können. Doch dann ist in der Regel schon sehr viel Unterrichtszeit mit nur mässigen Resultaten verbraucht worden. 

2. Mangelnder Kontakt mit anderen Sprachregionen
Frühere Formen des Austausches innerhalb der Schweiz – man denke an das «Welschlandjahr» oder Au-pair-Aufenthalte – gibt es zwar weiterhin noch, doch sind sie wohl heute viel seltener als auch schon; ich sehe derzeit keinen Trend, der in die andere Richtung zeigt, und das finde ich bedauerlich.
Wie steht es mit dem schulischen Austausch? Gemäss Statistik der ch-Stiftung, die sich für den Austausch zwischen den Sprachregionen einsetzt, haben im Schuljahr 2013/201 gerade mal 1.5% der Schülerinnen und Schüler der Volksschule und der Sekundarstufe II an einem landesinternen Austausch teilgenommen. Abgesehen davon, dass hier wohl nicht alle Austauschaktivitäten berücksichtigt worden sind, scheint mir diese Zahl skandalös tief: Meines Erachtens sollte sie mindestens zehn Mal höher sein, damit jede Schülerin und jeder Schüler während der obligatorischen Schulzeit mindestens einmal einen Austausch innerhalb der Schweiz erlebt. 
Warum gibt es derzeit nicht mehr Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern – aber auch zwischen Lehrlingen oder AbsolventInnen von Fachschulen? Vielleicht könnte ein geschicktes Anreizsystem dazu führen, dass die Zahl von Austauschprogrammen und -ausbildungen merklich erhöht wird, denn ein längerer Aufenthalt trägt wesentlich dazu bei, das Verständnis für eine neue Sprache und die Gebiete, wo sie gesprochen wird, zu verbessern.

3. Sprachfertigkeiten der Lehrpersonen
Beim Fremdsprachenunterricht herrscht Einigkeit darüber, dass gute Sprachfertigkeiten in der Zielsprache eine wichtige Voraussetzung dafür sind, um sie zu unterrichten. Nicht nur, um die Sprache zu verstehen und erklären zu können, sondern auch, um sie in verschiedenen Kontexten abwechslungsreich zu gebrauchen. Dafür ist es nicht nötig, sie als Erstsprache zu sprechen: Muttersprachlerinnen und Muttersprachler sind nicht zwingend die besseren Vorbilder. Doch eine gewisse Ungezwungenheit beim Sprechen ist schon wichtig. Nur scheint die längst nicht überall vorhanden zu sein: In verschiedenen Kantonen wurde mir immer wieder – teils offen, teils hinter vorgehaltener Hand – von Lehrpersonen berichtet, die sich mit der zu unterrichtenden Sprache schwer tun und sie kaum frei gebrauchen, weil sie sich dabei nicht wohl fühlen.
Ich möchte solche Lehrpersonen nicht an den Pranger stellen, doch es scheint sich um ein Problem zu handeln, das nicht nur Einzelfälle betrifft. Es ist auch nicht leicht, es anzusprechen, ohne gleich Schuldzuweisungen oder Abwehrreaktionen hervorzurufen. Doch es sollte allen Beteiligten klar sein, dass im Sprachenunterricht von Lehrpersonen, die sich in der Zielsprache nicht wohlfühlen, viel Energie verpuffen und einiger Goodwill für die neue Sprache verloren gehen kann.

4. Unbekannte Resultate des Sprachenlernens
Viel wird über die Ziele des Sprachenunterrichts gesagt, und viel wird auch über die Resultate des Sprachenunterrichts spekuliert. Auch die meisten aktuellen Lehrpläne enthalten Zielvorgaben für die Fertigkeiten, die im schulischen Sprachenunterricht erreicht werden sollen. Werden diese auch tatsächlich erreicht? Die ehrliche Antwort ist: Man weiss es nicht. Zwar gibt es hier und da durchaus interessante Einzelergebnisse, doch die Resultate des früheren wie auch des aktuellen Sprachenunterrichts sind im Grossen und Ganzen unbekannt.
Das hat verschiedene Gründe: Zum einen ist es schwierig, Sprachkompetenzen zu messen, da sie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können und da besonders die Beurteilung von mündlichen Fertigkeiten – in den meisten Fällen eines der Hauptziele des Fremdsprachenunterrichts – sehr aufwändig und teuer ist. Es stellt sich auch bei jeder Evaluierung die Frage, wie abhängig bzw. unabhängig eine Leistungsmessung vom Sprachunterricht sein soll: Idealerweise sollte man nicht nur den Grammatik und Wortschatz eines Lehrmittels testen, sondern überprüfen, wie gut die Sprache in tatsächlichen Situationen eingesetzt werden kann. Gut gemachte, in verschiedenen Kontexten einsetzbare Tests stehen derzeit noch aus und auch bisherige, brauchbare Testformate werden nicht grossflächig eingesetzt, um den Sprachenunterricht zu messen. Warum eigentlich nicht?
Mittlerweile ist der neue Sprachunterricht in den meisten Kantonen weitgehend umgesetzt; die letzten Generationen von SchülerInnen besuchen den bisherigen Fremdsprachenunterricht – eigentlich der ideale Zeitpunkt, um die bisher erreichten Lernziele de-tailliert zu testen und sie mit denjenigen des neuen Unterrichts zu vergleichen. Soweit ich es absehen kann, wurde diese Gelegenheit in den meisten Fällen verpasst, sodass niemand mit Sicherheit sagen kann, ob der neue Unterricht nun erfolgreicher ist als der alte – oder umgekehrt.

5. Uneinheitliche Ziele des Sprachenunterrichts
Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Sprachen lernt man, um sie zu sprechen, nicht? Der zweite Blick zeigt jedoch schon, dass das zu einfach ist: Sprachen kann man sprechen, lesen, schreiben, verstehen; mit ihnen kann man Geschäfte machen, Freundschaften schliessen oder auch Texte lesen, interpretieren und übersetzen. Diese Beispiele zeigen leicht auf, das Sprache in so vielen Kontexten eingesetzt wird, dass die Schule sie unmöglich alle berücksichtigen kann: Der schulische Fremdsprachenunterricht kann somit gezwungenermassen nur als eine allgemeine Einführung dienen.
In der Volksschule liegt der Fokus heutzutage eher auf kommunikativen oder handlungsorientieren Unterrichtsformen: Doch wie gut bereiten sie wirklich auf die Kommunikation vor? Weiterführende Schulen setzen andere Schwerpunkte: So legen etwa viele Gymnasien einen Schwerpunkt auf die Vermittlung von literarischen Kenntnissen und scheinen der Kommunikationsfähigkeit weniger Gewicht beizumessen.
Darüber hinaus sollte der Fremdsprachenunterricht noch: die Schülerinnen und Schüler zu mehrsprachigen Individuen erziehen, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschnitten sein und den Zusammenhalt des Landes sichern. Das alles ist natürlich viel zu viel. Doch darüber, was die Schule mit ihren begrenzten Ressourcen tatsächlich leisten kann, besteht bei weitem keine Einigkeit und das ist der ganzen Diskussion um den Fremdsprachenunterricht in der Schweiz abträglich.

6. Hoffnungsträger zweisprachiger Unterricht
Immer wieder werden sehr hohe Erwartungen in den zweisprachigen Unterricht gesteckt, bei dem verschiedene Sachfächer nicht in der Schulsprache, sondern in einer Zielsprache unterrichtet werden. Dieses Unterrichtsmodell ist mittlerweile auf der Sekundarstufe II (vor allem als «zweisprachige Matura») und in der Berufsbildung sehr populär – und auch erfolgreich –, obwohl es die Landessprachen gegenüber dem Englischen schwer haben, genügend Publikum anzuziehen. (Wobei anzumerken ist, dass das Englische in manchen Fällen von den Schulbehörden einseitig favorisiert worden ist.) Wenn dieses Schulmodell demnach erfolgsversprechend ist: Warum sollte es nicht auf die Volksschule ausgedehnt werden?
Der Teufel liegt in diesem Fall bei der Ausgestaltung des Programms und bei vielen Einzeldetails, was in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass etliche Versuche mit bilingualem Unterricht nach einer gewissen Zeit wieder eingestellt oder aber drastisch reduziert werden mussten – wobei jeweils viel Enthusiasmus verloren gegangen ist.
Bilingualer Unterricht scheint dann am erfolgreichsten zu sein, wenn er freiwillig gewählt werden kann, wenn nicht nur genügend Lehrpersonal mit Kompetenzen in der Zielsprache vorhanden ist, sondern auch geeignete Lehrmittel dafür zur Verfügung stehen und wenn die Abnehmerschulen ebenfalls zweisprachige Formate zur Verfügung stellen. Dies ist bei Berufsschulen und Gymnasien kein wirkliches Problem, denn die SchülerInnen sind nach Abschluss ihrer Ausbildung weitgehend selbstverantwortlich für ihr weiteres Sprachenlernen. Wie kann man aber sicherstellen, dass ein zweisprachiges Modell auf der Primarstufe oder auf der Sekundarstufe I auch an den Folgeschulen weitergeführt wird? Das scheint bislang in den meisten Fällen ein fast unüberbrückbares Hindernis darzustellen.
Aus diesen Gründen ist der zweisprachige Unterricht sicher ein Königsweg für den Sprachenunterricht, doch es braucht noch viel mühsame Feinarbeit zu leisten, bis er sich weiträumig durchsetzen kann.

Daniel Elmiger ist Dozent an der Universität Genf und war als Mitarbeiter des Neuenburger IRDP für die Evaluierung des neuen Fremdsprachenunterrichts auf der Primarschulebene in zehn deutsch- und/oder französischsprachigen Kantonen tätig.

Weitere Informationen:

Dienstag, 26. Mai 2015

«La suisse n’existe pas» – Braucht es die Diskussion zur Identität?»

Beitrag von Beatrice Kübli, SAGW

Was macht die Schweiz aus? Wie sehen sich die Schweizerinnen und Schweizer? Gibt es überhaupt eine gemeinsame Identität? Im Jahr 2015, wo viele historische Jubiläen gefeiert werden, scheint es wieder an der Zeit, sich diesen Fragen zu stellen, die Ben Vautier an der Weltausstellung 1992 in Sevilla schon provokativ mit «La suisse n’existe pas» beantwortet hat.

Mit einer Veranstaltungsreihe, basierend auf der Initiative von 15 Fachgesellschaften aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, geht die SAGW in den nächsten Monaten diesen Fragen nach. Am Freitag, 29. Mai, findet die Auftaktveranstaltung zu dieser Reihe an der Universität Bern statt. Im Zentrum stehen die Schweizer Geschichte und die Frage nach dem Umgang mit ihren Gründungsmythen und zur Rolle der unterschiedlichen Geschichtsbilder. So lehnt beispielsweise Prof. Dr. André Holenstein die «vorherrschende einseitige und selbstgefällige Sichtweise» ab und votiert in seinem Artikel «Die Schweiz in Europa. Gedanken des Historikers» dafür, «eine transnationale Sichtweise ins Spiel zu bringen, die konsequent die grenzüberschreitenden Kräftekonstellationen als bestimmende Faktoren der Schweizer Geschichte in den Blick nimmt.»

Die Schweiz also als Player in Europa, Finanzplatz, wichtige Drehscheibe? Oder doch die heile Bergwelt in einem neutralen Land? Im Ausland tut man sich mit der Frage nach der Schweizer Identität nicht so schwer: Schokolade, Matterhorn, Heidi, Geld, Luxusuhren, Käse, Banken, Reichtum und direkte Demokratie sind einige der Begriffe, die der deutsche Markenexperte Klaus-Dieter Koch in seinem Artikel «Die Marke Schweiz – eine Utopie?» nennt. Ein klares Bild, das dazu führt, dass die Schweiz auf der Liste der «Nation Brands» 2014 Rang 2 einnimmt, und damit nur gerade von Japan übertroffen wird.

Es scheint sich also eher um ein internes Problem zu handeln. «Offenbar wollen wir, müssen wir noch immer von Identität reden», stellt Prof. Dr. Georg Kreis in seinem Artikel «Gibt es die Schweiz? Eine pseudowichtige Frage?» fest und kommentiert ironisch «Ob es die Schweiz gibt, ist scheinbar ungewiss – gewiss ist dagegen, dass es Schweizer gibt, die sich gerne fragen, ob es die Schweiz gibt.»

Es wird sich zeigen, ob die Veranstaltungsreihe der SAGW neue Antworten auf die alte Frage liefert.

Weitere Informationen:
Veranstaltungsreihe: www.lasuissenexistepas.ch
Alle genannten Artikel stammen aus dem Bulletin 2/2015 « La suisse existe – la suisse n’existe pas»

Freitag, 22. Mai 2015

Ehe- und Partnerschaftsrecht als Teil der Generationenpolitik

Beitrag von Dr. iur. Michelle Cottier, im Vorfeld der Tagung «Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität»

In der aktuellen Debatte um die Zukunft des Schweizer Familienrechts ist das Ehe- und Partnerschaftsrecht besonders umstritten. Dieser Rechtsbereich soll denn auch anlässlich der Tagung des Netzwerks Generationenbeziehungen der SAGW vom 23. Juni 2015 im Zentrum stehen. Doch welcher Bezug besteht zu den Generationenbeziehungen, zur Generationenpolitik?

Die Perspektive auf die Generationen lenkt den Blick auf die vielfältigen Aufgaben, die Paare in der Sorge für andere Menschen im Generationengeflecht wahrnehmen. Gleich- und verschiedengeschlechtliche Paare ziehen gemeinsam Kinder gross, sorgen bei Krankheit und im Alter füreinander oder für Angehörige der vorangehenden Generationen. Oftmals einigen sich Paare allerdings auf eine ungleiche Aufteilung dieser unbezahlten Sorgearbeit, in verschiedengeschlechtlichen Partnerschaften heute immer noch meist zulasten der Frauen. Das Eherecht und das Recht der eingetragenen Partnerschaft schaffen hier einen gewissen Ausgleich, insbesondere indem bei der Auflösung der Rechtsbeziehung angesparte Vermögen und Guthaben der Altersvorsorge aufgeteilt werden, und indem nachehelicher oder -partnerschaftlicher Unterhalt festgelegt wird. Praktiziert ein weder in Ehe oder eingetragener Partnerschaft lebendes Paar eine solche Rollenteilung, so verfügt die kinderbetreuende Partei heute über keinerlei entsprechende zivilrechtliche Ausgleichsansprüche.

Nun liegt der Bericht des Bundesrats vor, der einige Vorschläge für diese Problematik macht. Der Schweizer Regierung ist zuzustimmen, wenn sie davon ausgeht, dass das Familienrecht allein die Folgen der ungleichen Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit nicht abfedern kann (Bericht S. 15). Es sind umfassende Massnahmen der Familien- und Gleichstellungspolitik notwendig. Solange diese aber nicht realisiert sind, bleibt es eine zentrale Aufgabe des Familienrechts, wenigstens innerhalb einer Partnerschaft einen Ausgleich zu schaffen. Zu wenig weit geht deshalb der Vorschlag des Bundesrats, für die Auflösung einer faktischen Lebensgemeinschaft eine blosse zivilrechtliche Härtefallregelung vorzusehen (Bericht S. 33). So verlangt das Prinzip der Generationengerechtigkeit, dass nicht nur «Nothilfe» zur Verfügung gestellt wird, sondern dass das Zivilrecht eine faire finanzielle Kompensation vorsieht für immaterielle Leistungen, die innerhalb der Generationenbeziehungen erbracht werden.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Nachhaltige Ressourcenverwendung und Suffizienz - ein Thema für die Geistes- und Sozialwissenschaften

Beitrag von Beatrice Kübli, SAGW

Was ist Suffizienz? Dies war eine zentrale Frage im Workshop «Suffizienz in der Schweiz – Impulse durch Sozial- und Geisteswissenschaften» am eco.naturkongress in Basel. Dem Begriff «Suffizienz» haftet die Forderung nach Verzicht an, was in unserer Gesellschaft keineswegs beliebt und politisch sogar ein Unding ist. Weshalb eigentlich? Welche gesellschaftlichen Mechanismen bewirken, dass Konsum als befriedigend und Bescheidenheit als selbstdisziplinierend erlebt werden?

Suffizienz setzt Verhaltensänderungen voraus. Die Herausforderungen rund um die Ressourcenverwendung und Nachhaltigkeit lassen sich also nicht nur technisch oder ökonomisch lösen. Es braucht den Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften, beispielsweise um zu klären, wie Verhaltensänderungen erreicht werden können und welche sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen dazu nötig sind.
Zur Frage wie der Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften sonst noch aussehen könnte, wurden im Workshop verschiedene Vorstellungen präsentiert:

  • Es ist Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaften, Dinge zu thematisieren, die selbstverständlich scheinen. (z.B. Weshalb ist Verzicht ein Tabu? Weshalb gilt Wachstum als erstrebenswert?)
  • Den homo oeconomicus gibt es nicht. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen erforschen, wie Bewusstsein und Einstellungen entstehen. (z.B. Wie entstehen die verschiedenen Lebensstile? Was motiviert zu umweltgerechtem Handeln? Wie beeinflusst das Umfeld die eigenen Handlungen?)
  • Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen Initiativen erfassen und analysieren, die in der Gesellschaft mit dem Ziel entstehen, Nachhaltigkeit zu erreichen (z.B. Share Economy)
  • Die Sozial- und Geisteswissenschaften sollen dazu beitragen, die soziale Akzeptanz für neue Modelle und Technologien zu fördern. 

Ist Suffizienz im heutigen System überhaupt möglich? Solange Kapitalakkumulation und Nutzenorientierung vorherrschen, ist es schwierig, umwelt- und sozialverträglich zu leben. Es braucht einen Paradigmenwechsel, neue Visionen und Alternativen zum Bestehenden. Ein erster Schritt dazu sind beispielsweise flexible Arbeitszeiten und verschiedene Arbeitszeitmodelle, so dass jeder für sich entscheiden kann, ob ihm mehr Geld oder mehr Freiheit wichtiger sind. Auch die Wissenschaft sollte sich von der Nutzenorientierung lösen können und wieder Zeit haben, vermehrt über Grundsätzliches nachzudenken, denn Innovationen sind nicht berechenbar.

Der Versuch suffizienter zu werden, ist ein gesellschaftlicher Prozess, nicht ein technischer oder institutioneller. Das sollte von der Politik so wahrgenommen werden.

Montag, 20. April 2015

Überstrukturierung im Bologna-Prozess wird rückgängig gemacht

Beitrag von Dr. Marlene Iseli, SAGW

Harmonisierungsreformen sind immer umstritten, insbesondere in der föderalistisch geprägten Schweiz. Mit der Implementierung der Bologna-Reform wurden Studienpläne zweigestuft (Bachelor und Master), wobei der Masterstudiengang den Status des universitären Regelabschlusses behielt.

Die vertikale Mobilität zwischen den Stufen Bachelor und Master wurde nebst der angestrebten (geographischen) horizontalen Mobilität zur neuen Herausforderung, der man sich – meist eher widerwillig – stellen musste. Bei dem 2012 veröffentlichten Positionspapier der SAGW, das unter anderem für einen auch in der Praxis eigenständigen Bachelor-Abschluss plädiert, wurden viele kritische Stimmen laut, die in der Verkürzung der disziplinenspezifischen universitären Bildung eine Bedrohung für die akademische Qualität sahen. Auch der Vorschlag, sich innerhalb geisteswissenschaftlicher Fachbereiche der Common Grounds zu besinnen und fächerübergreifende Einführungsveranstaltungen zu konzipieren, stiess auf wenig Sympathie.

Die Bologna-Reform hat vielerorts unerwünschte Nebeneffekte ausgelöst. Kritische Stimmen sprechen vom Bulimie-Lernen, der Verschulung des Studiums, von von ECTS-Punkten getriebenen Studierenden, von allerlei Problemen an den Schnittstellen und Scharnieren im Mobilitätsstreben, die mitnichten von der Hand zu weisen sind. Mit Blick auf das Curriculum wurde meist hinter vorgehaltener Hand offenbart, dass bestehende Studieninhalte bloss in die neuen Gefässe abgefüllt wurden, dass das Lizentiat lediglich in ein leicht verlängertes Grundstudium (Bachelor) und ein zweijähriges Masterstudium aufgeteilt worden sei. Die Kritik, dass mit der Bologna-Reform mit dem supranationalen Label durch die Hintertüre national nicht durchsetzbare Reformziele geltend gemacht wurden, habe diesen passiven Widerstand befeuert (obwohl in vielerlei Hinsicht keineswegs von einer Passivität der Universitäten gesprochen werden kann – aber das ist eine andere Geschichte).

Nun bringt die Universität Zürich erneut Bewegung ins curriculare System. Wie der Tagesanzeiger (26.3.) und die NZZ (28.3.) Ende März berichteten, steht die Schaffung eines Bachelors in Sprachwissenschaften auf der Agenda. Mit dem Ziel, der Überstrukturierung der Bologna-Implementation entgegenzuwirken, sollen Studienstrukturen vereinfacht werden, um Studierende mehr im Sinne der universitären raison d’être als Lehr- und Lernort für 'echte Bildung' zu fördern, wie es Gottfried Schatz unlängst in seinem Beitrag geschildert hat (NZZ vom 17.4. «Echte Bildung anstatt nur Wissensvermittlung»). Die Strategie «Bologna 2020» der Universität Zürich soll mit mehr Freiraum dazu beitragen, dass sich Studierende zu kritisch denkenden Akademikern entwickeln können.

Man darf gespannt sein, ob weitere Universitäten den von der Universität Zürich beschrittenen Weg einschlagen (und damit die 2012 von der SAGW vertretene Position aufnehmen). Ulrich Teichler hatte 2011 anlässlich des Kongresses «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?» davor gewarnt, den Bachelor einfach als Bonsai-Version im Sinne eines Vorlaufs zum Masterstudium zu betrachten. Die Frage ist nun, ob der Bonsai zukünftig im Hochschulraum allgemein etwas zurechtgestutzt wird oder ob schattenspendende Baumarten gepflanzt werden, die unter dem Laub der altehrwürdigen Eichen nicht quasi verschwinden, sondern das Schweizer Hochschulsystem gerade nach den klimatischen Bedrohungen vom 9. Februar zusätzlich florieren lassen.