Donnerstag, 2. März 2017

Italiano subito

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Italianistica: quo vadis? Futuro e prospettive dell’insegnamento dell’italiano a livello universitario. Parlamentarier der „Intergruppo parlamentare ITALIANITÀ“ engagieren sich für die dritte Landessprache. Wie dies anzugehen ist wird im Bundeshaus am Dienstagabend, den 7. März 2017 debattiert. http://www4.ti.ch/decs/dcsu/ac/osservatorio/agenda/home/risultati/dettaglio/?idEvento=63112&data=07.03.2017&ora=19:15&risultati=true

Italianità
Im nationalen Wörterbuch (NWB) Vocabulario dei dialetti della Svizzera italiana (VSI) mit Sitz in Bellinzona wird der Wortschatz der italienischen Schweiz wissenschaftlich aufgearbeitet und bestens dokumentiert. Im Alltag spielt jedoch Italienisch ausserhalb des Tessins und dem italienischsprachigen Teil Graubündens eine marginale Rolle. Aktuell sprechen, gemäss Bundesamt für Statistik, 8,1 Prozent Italienisch als Hauptsprache. http://www.sagw.ch/de/sagw/die-akademie/unternehmen/nwb.html

Crisi ticinese
In den späten 1950er-Jahren begann sich der Kanton um die Akademiker zu sorgen, die nur an Hochschulen in der Deutschschweiz, der Romandie oder in Italien studieren konnten. Damals drehte sich alles um die Verteidigung der geistig-kulturellen Italianità des Tessins. Zwanzig Jahre später öffnete die Università della Svizzera italiana (USI) ihre Pforten. Als Universität anerkannte der Bund die USI 1996, das Tessin als Hochschulkanton erst ab 2001. Seit dem Jahr 1999 regelt die verfassungsmässige Bestimmung neben der regionalen auch die sprachregionale Vertretung im Bundesrat. Allerdings ist die italienische Schweiz nicht ständig im Bundesrat vertreten – der letzte war Flavio Cotti von 1987 bis 1999.
Und jetzt fragen sich viele in der aktuellen nationalen Debatte um Französisch in den Primarschulen, warum nicht über die dritte Landessprache, Italienisch diskutiert wird. In seiner Vielfalt und in seiner vielschichtigen Verknüpfung mit Europa wird das Tessin im SAGW-Bulletin 2/2016 präsentiert. http://www.sagw.ch/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/bulletin/bulletin-2016.html

Freunde für Italienisch in der Schweiz
Im Jahr 2012 wurde das „Forum für Italienisch in der Schweiz“ gegründet und vom Tessiner Erziehungsdirektor Manuele Bertoli (SP) präsidiert. Für die Sprache engagieren sich auch „Freunde des Forums“. Es sind rund 30 Prominente, etwa Lino Guzzella der ETH Zürich, Architekt Mario Botta, UBS-Chef Sergio Ermotti, Langläufer Dario Cologna, wie auch die Ex-Miss Schweiz Christa Rigozzi. http://www.forumperlitalianoinsvizzera.ch/

In 28 Lektionen Italienisch
Als Imagekampagne sollen jetzt 13- bis 16-Jährige in der Deutschschweiz die Liebe für Italienisch mit einem Crashkurs entdecken. „Italiano subito“ ist das Resultat einer mehrjährigen Forschungstätigkeit im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 56 SNF (Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz). www.italianosubito.ch

Quo vadis
Italienischen Grundwortschatz lernen und im Klassenlager im Tessin Konversation üben, die Idee von „Italiano subito“ ist hoffnungsvoll. In den 1980er-Jahren waren es noch die 16-Jährigen Deutschschweizer, sogenannte „Töffli-Buebe“, die über den Gotthard in den südlichsten Kanton kurvten. Damals haben sich besorgte Eltern gefragt: „Quo vadis“ im Sinne von „Wohin soll das noch führen?“. Am 7. März werden sich Protagonisten aus der Tessiner Wissenschaft und Bildungspolitk die gleiche Frage stellen...

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Donnerstag, 23. Februar 2017

Mit dem Latein am Ende

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Eine Redewendung, die aus Zeiten stammt als Latein noch die unbestrittene Sprache der Wissenschaft war. Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, wird Latein als Auslaufmodell abgewertet. Englisch ist die lingua franca und Programmiersprachen werden als das "neue Latein" gefeiert.

Beerdigung des humboldschen Bildungsideals
"Junge Menschen benötigen kein Latein. Hingegen müssen sie wissen, wie man eine App programmiert", betonte der ETH-Professor Jürg Leuthold in der NZZ (07.02. 2017). Aus diesem Grund sind für den Physiker Programmiersprachen die Sprachen der Zukunft. Die Schweiz hinke hinter der Digitalisierung her, weil sie noch alten Idealen nacheifere, warnte Leuthold. Mit dieser Mahnung hat er sich nicht als Bewunderer des humanistischen Bildungsideals geoutet.

Informatik und Latein – nicht Informatik statt Latein"Bei gewissen ETH-Professoren herrscht offenbar ein höchst eingeschränktes Bildungsverständnis", schreibt ein NZZ-Leser (14.02.2017) als Reaktion auf den besagten Artikel. "Latein-Bashing ist immer gut um Aufmerksamkeit zu erregen. Jürg Leuthold von der ETH möchte ich daran erinnern, dass in den letzten Jahrzehnten mehrere Generationen von Programmiersprachen an uns vorbeigezogen sind", argumentiert ein anderer NZZ-Leser. Ein Leser, der sich als Lehrer zu erkennen gibt, schildert wie an einem Lateintag in Brugg Altphilologen und Informatiker zusammen debattierten und dabei zu ähnlichen Schlussfolgerungen kamen: Latein und Informatik sind keine Konkurrenten.
Die Sprache lebt doch
Vor zwölf Jahren lud der Leiter des Vindonissamuseums Brugg die Lateinlehrerschaft ein, sich am jährlichen Römertag zu beteiligen. Damit kam der Wunsch auf, einen eigenen Lateintag zu organisieren. Seither treffen sich alle zwei Jahren aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland Interessierte in Brugg. Der letzte Lateintag im November 2016 stand unter dem passenden Motto "PER OMNIA SAECULA FAMA" – DURCH ALLE ZEITEN IM GESPRÄCH. Alle 24 Workshops und Referate konnten ohne Latein-Kenntnisse besucht werden und die Tagung war öffentlich (Eintritt 20 Franken): http://www.lateintag.ch/index.php/startseite.html

Latinum
"Empfehlung für den Erwerb von Grundkompetenzen in der lateinischen Sprache", 20 Seiten umfasst die soeben erschienene zweisprachige Publikation der swiss academies reports. Schweizer Universitäten, Mittelschulen und die SAGW haben zusammen die sprachlichen Basiskompetenzen erarbeitet über die Studierende nach Abschluss eines Grundkurses in Latein verfügen sollten.

Nuntii Latini
Radio-Bremen in Deutschland präsentiert die wichtigsten Ereignisse des Monats komplett in lateinischer Sprache. Jedes Wort muss die lateinische Redaktion übersetzen, auch neue Kreationen wie Elektroauto – autocinetum electricum. Weltweit gibt es nur noch zwei Angebote, beim öffentlichen-rechtlichen Rundfunk in Finnland sowie beim Radio Vatikan. http://www.radiobremen.de/nachrichten/latein/latein-startseite100.html

Latin lover
In die Bildungsdiskussion rund um das Latein passt auch das Buch von Karl-Willhelm Weeber "Latein da geht noch was! – Rückenwind für Caesar & Co" (September 2016). Der Deutsche Honorarprofessor für Alte Geschichte beweist die Allgegenwart des römischen "Erbes", selbst im Supermarkt und beim Fussball entdeckt er lateinische Wurzeln. Es ist auch kein Zufall, dass die Informationstechnik IT ihre Bezeichnung aus dem lateinischen Wortschatz mopste.

Die Halbwertszeit der Shapers
"Die Informatik hat durchaus Grundsätzliches, Zeitloses zu bieten: Ein vertieftes Verständnis etwa von Algorithmen oder von Datenmodellierung ist wichtig um unsere Gesellschaft zu verstehen", schreibt ein NZZ-Leser. Die auserwählten Forscher aus der Gruppe der 100 Digital Shapers 2016, welche das Magazin Bilanz zusammen mit dem Worldwebforum im Oktober 2016 vorstellten, stammen alle von der ETH Zürich und Lausanne. Ihr Kollege Jürg Leuthold gehörte nicht dazu. Es sollen jedoch Wetten laufen, dass Leuthold mit seinem Unkenruf in der NZZ als Shaper 2017 im Gespräch ist. In den Club von Gleichgesinnten würde jedoch ein Wirtschaftshistoriker besser passen – Querdenker sind innovativer, zumal sich die Epoche der Digitalisierung in einer beschleunigten Halbwertszeit befindet...


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Donnerstag, 16. Februar 2017

Liebe zwischen Norm und Realität

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Mitte Februar liegt Liebe in der Luft. Die wahre Geschichte des Liebeslebens der Deutschen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann machte am Sonntag den Auftakt im NZZ-Magazin „Gesellschaft“. Zu ihren vielen Beziehungen gehörte etwa auch Max Frisch. 1958 zog sie zu ihm nach Uetikon ZH. Sie scherte sich um keine Normen, sobald es um Gefühle und Sex ging – und ihr Talent, ihr Leben scheiterte an einer unerfüllten Liebe.

Kopf ab für die Liebesheirat
Am 14. Februar feierte das Schweizer Volk Happy Valentin: Nörgler vermuten dahinter ein Marketingkonzept von Blumenhändlern. Eine andere Geschichte dahinter ist die von Bischof Valentin von Rom. Er hatte ein Herz für heimlich verliebte Paare und traute sie trotz kirchlichem Verbot. Valentin beschenkte das Brautpaar jeweils mit Blumen aus seinem Garten. Als sein Wirken aufflog, liess ihn Kaiser Claudius II. am 14. Februar im Jahr 269 köpfen.

Poesie für unerfüllte Liebe
Die vielen Liebschaften von Johann Wolfgang Goethe beeinflussten seine literarischen Werke. Weit über 50 verliebte er sich in eine 18-Jährige – in Wilhelmine. Minchen jedoch ignorierte Goethes Schwärmerei: Alle romantischen Sonette liessen sie kalt. Darum schenkte Goethe ihr 1820 einen rotgoldenen Fingerring mit Steinen verziert – Symbole des Glaubens, der Liebe und Hoffnung. Minchen gab den Ring demonstrativ an ihre Freundin Auguste Wittig weiter. Goethes Ring blieb bis 1981 im Familienbesitz der Wittig. Heute ist er Teil der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums in Zürich: Im Rahmen einer Sonderausstellung können Romantiker den Ring vom 19. Mai bis 22. Oktober bewundern.

Liebe besiegt das Zölibat
Warum hat der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli das Eheverbot für Priester aufgehoben? Der junge Priester verliebte sich in seine Nachbarin, in die junge Witwe Anna Reinhardt. Zwingli wurde der Lateinlehrer von ihrem ältesten Sohn­ – so kam man sich näher. Die heimliche Beziehung dauerte über Jahre bis Zwingli seine Anna 1524 zum Traualtar führte. Damit war das Zölibat am Ende.

Wahre Liebe kennt keine Normen
Eine moderne Liebesgeschichte stammt von Emmanuel Macron, der Frankreichs nächster Präsident werden könnte. Der damals 17-Jährige Schüler hatte sich in seine Lehrerin verliebt und wollte sie heiraten. Das Liebespaar wurde getrennt. Macron musste nach Paris ans Lycée Henri-IV wechseln und die Lehrerin hatte schon eine Familie. Erst 2007 führte Macron seine grosse Liebe zum Traualter. Seine Lehrerin war inzwischen geschieden, ihre Kinder erwachsen. Zeit spielt in der Liebe keine Rolle – Macron ist heute 39, seine Frau 63 Jahre alt – was ist schon eine normale Beziehung.

Privatsache Liebe
Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität – Swiss academies reports Vol. 11, Nummer 1, 2016: „Beziehungen sind zunächst im eigentlichen Sinn Privatsache“, schreibt Prof. Dr. iur. Peter Breitschmid. „Aber gerade weil Beziehungen etwas derart Intimes, Persönliches, Privates sind, sind wir von unseren Beziehungen so tief betroffen wie von kaum etwas.“ Beziehung verlangt unabhängig von ihrer Rechtsform nach Stabilität – trotzdem sind Beziehungen mit beinahe so viele Formen wie es Paare gibt nicht statisch. Das ist die grosse Schwierigkeit zur Schaffung gesetzlicher Vorgaben – Beziehung erfordert Rücksicht und Koordination etwa nach Art. 159 ZGB. Und! Beziehungen sind auflösbar geworden, aber es gibt keine Delete-Taste für solche Lebensabschnitte – daran ist auch Ingeborg Bachmann mit ihren vielen Beziehungen letztendlich zerbrochen.

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